Sonntag, 16. Februar 2014

fire in the wind



„Ich hab ihn gefunden.“, sagte Kvothe leise und überrascht, und ohne darauf zu achten, ob Sam und Janne ihm folgten, lief er einfach los. Janne fluchte leise und rannte hinter ihm her. „Kvothe!“, rief sie. „Warte!“
Kvothe blieb stehen, in einer menschenleeren Gasse, über seinem Kopf Wäscheleinen zwischen den engen Häusern gespannt. Janne kam es vor, als könnte sie ebenfalls den Wind wispern hören, aber sie folgte Kvothe in die Gassen Venedigs, und Sam ließ beide nicht aus den Augen. Sie folgten Kvothe durch enge Gassen, wo nur über ihnen ein Streifen bleigrauen Himmels schwebte, über schmale Steinbrücken, unter denen tintenschwarzes Wasser floss, undurchdringbar für jeden Blick, so sehr Janne sich auch bemühte, etwas darin zu erkennen, folgten Kvothe tiefer in Venedig hinein, wo der Wind kaum mehr war als ein Hauch, und auf breitere Straßen, wo links und rechts geöffnete Läden warmes Öllampenlicht und Gerüche nach frischem Backwerk, nach Kaffee und Schokolade verbreiteten. Jannes Magen knurrte, und sie sah Sams hageres Gesicht und Kvothes schmale Miene an. Sie alle drei waren zerlumpt und ausgezehrt, Kvothe der einzige, der ein paar Münzen besaß – Münzen, die nicht für mehr als ein müdes Lächeln reichten. Als Kvothe auf einem großen, mit kahlen Bäumen gesäumten Platz anhielt, dort stand und den Kopf schieflegte, auf den Wind horchte, der hier nur schwach wehte, trank Janne klares Wasser aus einem Brunnen, Sam ebenfalls, und dann lief Kvothe schon weiter.
„Es riecht nach Asche und Funken.“, wisperte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem sonst.
„Kvothe lauscht fast die ganze Zeit dem Wind.“, sagte Janne leise zu Sam, während sie über uralte Pflastersteine liefen. „Selbst, wenn der Wind ihm so mühelos gehorcht, wie ihr alle denkt – kostet ihn das nicht trotzdem eine Unmenge an Kraft?“
Sam antwortete ihr nicht darauf, aber er ließ Kvothe nicht aus den Augen und Janne sah die ewige Sorge in dem stillen, ernsten Gesicht.
Die Straßen, über die Kvothe sie führte, wurden breiter, mehr Geschäfte, mehr Leute, die Straßen voller. Sie überquerten eine Brücke, die auf beiden Seiten von geschlossenen Läden gesäumt war, und erreichten nach einer schmalen Gasse einen riesigen Platz. Eben noch zwischen Mauern so dicht, dass Janne die Arme nicht hätte ausstrecken können, und dann vor einer Kirche, wie sie so eine riesige, so prunkvolle niemals gesehen hatte. Säulen und Marmor, feinste stilisierte Bilder, über und über goldgeschmückt – erst stand Janne nur da und fragte sich, wie so etwas im Sonnenschein aussehen mochte. Dann sah sie den Feuerspucker.
Wenn sie später jemandem von Silva erzählte, dann würde sie auf ewig an diesen Moment denken, unter bleigrauem Himmel in einer Stadt voller Gold, Wasser, Geistern und Geisterlichtern. „Der Mann, der das Feuer atmet.“, würden ihre Worte sein, wann immer sie von Silva sprach.
Sie lief in Kvothe hinein und ließ ihn nach vorne stolpern, als sie so zu dem Feuerspucker hinüber starrte, dass sie völlig übersah, wie Kvothe stehen geblieben war.
„Das ist er.“, sagte er und deutete auf den Mann, der mit nacktem Oberkörper, in sicherem Abstand von fast allen Leuten umringt, die sich auf diesem Platz befanden, den grauen Wintertag mit in den Bleihimmel gespeitem Feuer erhellte.
„Er atmete das Feuer wie ein Drache.“, würde Janne erzählen. „Wie Kvothe dem Wind lauschte und mit ihm flüsterte, den Wind anbrüllen konnte, als wäre er selbst der Sturm, so atmete Silva das Feuer. Sein Gesang klang wie das Knistern der Flammen, erst das Brüllen eines Flammeninfernos, dann das sanfte Glühen einer kleinen Kerze. Er war nicht wie Kvothe, aber er konnte das Feuer rufen, und wenn Feuer erst einmal da ist und kleine Flammen gehegt werden, dann kann es trotzdem Länder zerstören.“
„Bei den Feuersängern ist das mit dem Feuer etwas anders als bei den meisten Sängern. Sie werden mit dem Feuer in sich geboren, sie atmen es, sie müssen sich beherrschen, es nicht zu schüren, anstatt sich anzustrengen wie die anderen Sänger. Sie rufen es nicht, sie halten es zurück. Sie beherrschen sich pausenlos, lassen nur kleine Flammen schlagen, weil sie ihre Umgebung nicht in Brand setzen wollen.“
Bei diesen Worten wird Kvothes Blick weit, weit in die Ferne gleiten, und Janne wird denken So ist es bei ihm auch. Es ist nicht anstrengend, zu singen, sondern ein so natürlicher Vorgang wie Atmen. Sie werden süchtig davon, und in ihnen tobt ein Sturm oder lodert ein Feuer, dass sie tief in sich drin behalten müssen, wenn sie nicht verletzen und zerstören wollen. Sie wird Schmerz in Kvothes Gesicht sehen – und bitterste, tiefste Sehnsucht. Der Ausdruck eines eingesperrten Tieres.
„Ein Feuermagier.“, fragte Janne leise und spürte kaum, wie Sam neben sie und Kvothe trat.
„Wir sollten warten, bis er fertig ist und sich die Leute wieder zerstreut haben.“, sagte Sam leise, und müde ließ Janne sich auf die Steinstufen vor dem langen, hohen Arkadengang eines Gebäudes sinken, das wie ein Palast einen Teil des Platzes umfasste. Sam ging irgendwohin und kam mit einem klebrigen, warmen Gebäckstück wieder, dass er in zwei Teile brach und Janne das eine, Kvothe das andere in die Hände drückte.
„Was ist mit dir?“, fragte Kvothe, obwohl er in seinen Augen den gleichen Hunger sah, der auch ihm den Magen zernagte. Sam schüttelte nur den Kopf.
„Ihr habt es nötiger.“, sagte er. „Ich besorge später noch was.“ Unser Geld ist doch alle, dachte Janne. „Janne braucht das Essen dringender und du erschöpfst dich, indem du fast pausenlos mit dem Wind flüsterst.“
Kvothe hatte den Anstand, auch nur ein wenig schuldbewusst dreinzusehen, brach von seinem Gebäckstück aber trotzdem etwas ab und reichte es Sam. „Du brauchst es auch. Danke.“
Wortlos nahm Sam es und setzte sich neben die beiden, doch als Janne ihm auch etwas von ihrem Anteil geben wollte, schob er ihre Hand sanft, aber bestimmt zurück. „Danke, Janne. Aber du brauchst es dringender.“
Sie beobachteten den Feuerspucker eine Weile wortlos, der sie nicht bemerkte, und Janne glaubte fast, ab und an bei einem besonders hohen Feuerball die Wärme des Feuers auf der Haut spüren zu können. Fast hypnotisch war es, das glühende Feuer zu beobachten, das der Mann mit dem verzottelten, schmutzigen strohblonden Haaren aus dem Nichts rief, und sie spürte, wie die Müdigkeit in ihren Knochen sie übermannte, sie immer schläfriger wurde, die Augenlider immer schwerer. Irgendwann lehnte sie einfach den Kopf gegen Kvothes Schulter schloss die  Augen für einen Moment … nur für einen Moment.
Vorsichtig drehte Kvothe den Kopf und sah Janne an, dann rüber zu Sam. „Wir sollten, bevor wir irgendetwas anderes unternehmen, erst irgendwie Geld verdienen und dann eine Unterkunft finden.“
Sam nickte, zog seinen Umhang etwas mehr so zurecht, dass das Schwert auf seinem Rücken verdeckt wurde. Je unauffälliger und harmloser sie aussahen, desto besser, und Kvothe mit seinen feuerroten Haaren war schon selbst wie eine wandelnde Fackel. Dafür war die dichte Wolkendecke gut – sie erlaubte es ihm, die Kapuze aufzusetzen und damit nicht noch auffälliger zu wirken.
„Wie lange bist du schon TotenRitter, Sam?“, fragte Kvothe den Mann, der ihnen Geheimnisse seines Ordens verraten hatte und über den sie absolut nichts wussten. Nein, keine Geheimnisse, korrigierte er sich in Gedanken, jedenfalls nicht die Details. Die hat er dem Reverend verschwiegen, und uns bisher auch.
Es war eine einfache Frage, aber Sam überlegte trotzdem lange. „Seit ich vierundzwanzig war.“, antwortete er schließlich.
„Warum wird man TotenRitter?“
Auch jetzt überlegte Sam wieder, blickte dann zu Janne. „Als Kote Janne gefunden hat und mit ihr floh, da floh eine Freundin von ihr mit ihnen, die in ihrem Haushalt gearbeitet hatte. Sie war zwanzig, viel älter als Janne, ihr eine große Schwester gewesen, und sie weigerte sich, Janne im Stich zu lassen. Als wir die beiden fanden, weigerte sie sich, nun ihre Verantwortung abzutreten, und ließ sich zur Ritterin ausbilden. Sie wollte ebenfalls TotenRitter werden, und das hätte sie geschafft. Sie war nur eine junge Frau, ohne einen besonders kräftigen Körper oder hohe Ausdauer. Trotzdem hätte sie es geschafft. Weil sie entschlossen war, Janne zu beschützen.“
Sam blickte Kvothe in die Augen, sein heller, klarer, grauer Blick so ernst wie immer. „Es geht darum, ob du etwas beschützen willst. Beschützen.
Lächelnd strich Kvothe der schlafenden Janne über die Haare und zog ihren abgewetzten Umhang etwas enger um sie, sah ihr müdes, überschattetes Gesicht an. Noch ein Mädchen und schon mehr Last auf den Schultern, als irgendjemand sie tragen sollte. „Diese Freundin von ihr …“
„Ihr Name war Sintel.“
Kvothe blickte Sam an und sah, dass Sintel damals  auch unter den Opfern gewesen war. „Tut mir Leid.“, sagte er leise, aber Sam erwiderte nichts.
„Wie hast du damals überlebt?“, fragte er, leise und unsicher, ob Sam ihm die Frage übel nehmen würde, aber der antwortete ganz normal.
„Ragnar hat beschlossen, einen am Leben zu lassen – mich am Leben zu lassen. Nicht, weil er Informationen wollte; die hätte er sofort genommen, aber dann hätte er nicht mich gewählt. Er wusste, dass er mich nie zum Reden bringen würde, aber er brauchte ein Exempel. Jemanden, den er in all den Hetzkampagnen gegen Aum, in all dem Hass, den er gegen uns in der Bevölkerung schürte, als Sündenbock hinstellen konnte, damit die Leute ein Gesicht bekamen. Wer war da besser als der Oberste? Jemand, der in die Geheimnisse eingeweiht und an allen Entscheidungen beteiligt war – aber niemand, an den man Magier oder gar Kreast verschwenden musste. Einfache Fesseln genügen.“
Sam klang bitter, die Stirn gerunzelt und Wut in der Stimme, und Kvothe begriff, dass Sam auf sich selbst wütend war. Wütend, dass er nichts hatte tun können – und vielleicht auch wütend, dass er nur ein Mensch war. Wütend, dass er nichts unternehmen konnte, als Ragnar alle abschlachtete, die Sam zu beschützen geschworen hatte.
„Diese Schwerter …“, Kvothe beobachtete Sam genau, versuchte, in dem kantigen, harten Gesicht zu lesen. „Was macht die so besonders? Warum will Ragnar die haben, und warum kannst du mit ihnen Ragnars Unverletzlichkeit bekämpfen? Was sind das für Schwerter?“
Noch während er diese Frage stellte, wusste Kvothe, dass Sam nicht antworten würde. „Die Runenkrankheit, von der viele Magier befallen werden.“, sagte Sam und blickte Kvothe an, um zu sehen, ob der wusste, wovon er sprach. Kvothe nickte vorsichtig. „Damit hängt es zusammen. Die Details sollte Janne auch hören und vor allem nicht hier. Das sind Dinge, die niemand hören sollte, außer euch. Nicht einmal alle Magier und TotenRitter wussten davon – nur wenige. Sehr, sehr wenige. Und erst recht niemand, der nicht Teil von Aum war.“
Aber Aum gibt es nicht mehr, dachte Kvothe. Fort. Eure Regeln gibt es nicht mehr, und du bist der Einzige, der entscheiden kann, was ein Geheimnis ist.
Der Feuerspucker beendete seine Aufführung mit einem besonders spektakulären Feuerball, in dem Drachen sich wanden und selbst Feuer spien, über die Köpfe der Zuschauer hinweg. „Lass sie schlafen.“, sagte Sam leise und nahm Janne vorsichtig auf den Rücken. Sie warteten geduldig, bis der Feuerspucker die wenigen Münzen, die die Leute ihm geben mochten, eingesammelt hatte, und noch ein wenig länger, bis sie sich zerstreuten, und gingen zu ihm. Noch außer Hörweite hob er den Kopf, sah sich um und sah sie – erst nur oberflächlich, runzelte dann die Stirn und winkte ihnen zu.
Kvothe, wisperte der Mann und lächelte, wohl wissend, dass sein über die Entfernung zu leise gewispertes Wort durch den Wind in Kvothes Ohren gelangte. Hallo.

Dienstag, 13. August 2013

Halbmarathon

Das Ganze ist nun schon ein Weilchen her, und ich in meiner Faulheit hab immer wieder wichtigere Dinge gefunden. Jetzt sitz ich hier, vorlesungsfreie Zeit, mit dem Inhaliergerät im Mund (wäre ich im Mittelalter geboren, ich wär schon im Kleinkindalter an Bronchitis oder Lungenentzündung gestorben, oder auch schon als Baby) und hab Zeit und Muße.

Voilà!

Mein erster Wettkampf, und mein wahrscheinlich schwierigster (bis ich irgendwann mal einen Marathon in Angriff nehme) noch dazu. Übrigens: 23. Platz klingt gut, aber ich war bei den Damen Vorletzte und in der Gesamtwertung Drittletzte. Der Letzte hat etwas mehr als fünf Stunden gebraucht - ich glaube, der ist zwischendurch bei Mäkkes einen Kaffee trinken gegangen. Bei dem Wetter könnte ich ihn verstehen.

Wir hatten am Freitag und am Montag danach Sonnenschein und etwas Wind, Samstag nur etwas bewölkt.Sonntag, am groen Tag, hat der Himmel seine Schleusen geöffnet. Es hat permanent gegossen, es war stürmisch, und es war richtig kalt. Viele sind direkt in kurzen Sportsachen an den Start gegangen, weil sie sich dachten: "Nass werd ich ohnehin, und die Regenklamotte behindert mich nur, also drauf gesch***en."

Ich hatte Regenkleidung an, weil ich von vornherein wusste, dass ich lange brauchen würde. Und selbst, wenn ich nass werde, wird die Regenkleidung mich doch wenigstens vor dem Wind und somit vor dem Auskühlen schützen. Hat sie auch. Sie hat sich zwar so vollgesogen, dass ich anderthalb Stunden mit wassergefüllten Ärmeln gelaufen bin, aber sie hat mich vor Wind und Kälte geschützt. Und das war keine leichte Aufgabe. Und dann hatte ich noch Menstruationsbeschwerden - super Voraussetzungen.

Es hat die ganze Zeit geregnet. Wir sind durch Pfützen gerannt, durch wahre Seen, durch Schlamm (wenn man denn unbedingt den einen Meter an der Ecke einsparen wollte). Die Strecke war schwer - erst geradeaus und leicht bergab, dann allerdings die ganze Zeit hügelaufwärts (ja, Rostock ist hügeliger, als man denken mag ...) mit Gegenwind - ach, was sag ich, Gegensturm! Regen, der von allen Seiten gepeitscht kommt, Sturm, der einen zurückdrängt. Ich habe jedem einzelnen Streckenposten, der mich als einsamen Läufer da jedes Mal anfeuerte, sich meine Runden merkte und für einen einzelnen langsamen Läufer Laolawellen veranstaltete, danken. Bei dem Wetter trotzdem euphorisch anzufeuern - Respekt. Zumal die ja den ganzen Tag dort ausharren mussten, während ich nach zweieinhalb Stunden erst zusammenbrechen und dann in die heiße Badewanne sinken konnte.

Ich hab es nicht geschafft, durchzulaufen. Zum ersten Mal war ich wirklich beim Laufen so am Ende (durch Regen, eine Kondition, die gerade einen schlechten Tag hatte, durch ein absolutes Energietief und keine Chance, dieses aufzufüllen - es gab an den Streckenposten nur einen Cocktail aus stillem Wasser und Regenwasser), dass ich nicht mehr laufen konnte. Ich musste gehen. Die letzten beiden Runden bestanden zu gleichen Teilen aus schnellem Gehen und Laufen. Eine Runde lang begleitete mich ein älterer Herr, der sich nur für das 10 km - Rennen aufwärmte, und ermunterte mich immer weiter. Wir hatten auch zufällig das gleiche Lauftempo. Eine ältere Dame, ein Streckenposten aus vielen jungen Leuten, der Herr, der am Zieleinlauf stand (wir mussten sieben Runden laufen, je eine Runde aus drei Kilometern), eine andere ältere Dame - sie alle waren Streckenposten und sahen deshalb unzählige Gesichter, aber mich merkten sie sich. Zählten meine Runden und ermunterten mich, wenn ich wieder vorbeikam: "Letzte Runde, super!" u.a. Laolawellen, Jubeln. Für einen einzigen Läufer, der nicht einmal besonders nach Läufer aussieht in dunkler Regenjacke und dunkler Regenhose. Das war genial. Bei dem Wetter wirklich ein absoluter Motivationsschub.

Und trotzdem, obwohl ich mir auf den letzten Runden wie der einzige Läufer weit und breit vorkam (die meisten waren ja schon fertig), bin ich nicht die Letzte geworden. Selbst wenn ich die Letzte gewesen wäre, ich hatte trotzdem gesiegt. Über das Wetter, über mich selbst, über eine Strecke, von der selbst der Erste meinte, das sie schwierig gewesen wäre. Bei einem Wettkampf, von dem es im Nachhinein von Bekannten, die auch laufen, hieß, das wäre kein Wettkampf für Anfänger, da würden meist nur die Fortgeschrittenen der Region starten.

Und abgesehen davon: Das Gefühl, danach in die heiße Wanne zu sinken.

Wem das noch nicht als Motivation reicht: Dem Freundeskreis (der sich noch an Schulzeiten erinnern kann, wo ich nicht einmal die tausend Meter im Dauerlauf schaffte, wo ich noch zwanzig Kilo mehr hatte) erzählen, dass man einen Halbmarathon geschafft hat. Vorher kann man vom Lauftraining erzählen und abnehmen, wie man lustig ist - so ein offizieller Laufwettkampf ist eine ganz andere Dimension in den Augen der anderen. Das hat mir einen Respektschub eingebracht, wie ich ihn mit allen Komplimenten über meine Gewichtsabnahme und regelmäßigen Sport nie erhalten habe.


Montag, 29. Juli 2013

Serafin - Gerüchte aus einem Söldnerleben VIII: General Ticktack



Serafin mit den drei Narben auf der Brust, wo einst drei Pfeile steckten, Finn mit der Werwolfsnarbe auf der Schulter und dem Werwolfsblut, weil die Magier vergaßen, sie vor der Heilung zu reinigen und bereits angerichteter Schaden nicht mehr gutzumachen war. Serafin, Finn, Janni, sie hat viele Namen, aber der liebste Name ist ihr Finn. Er ist ihr der liebste Name, weil ihre Freunde sie Finn rufen. Die Elbenprinzessin ruft sie Finn, selbst wenn mittlerweile, nach etwas, was sich wie eine Ewigkeit gemeinsamer Reisen anfühlt, Schlossmauern, Wachen und viele, viele Meilen zwischen ihnen liegen. Jene der Plänkler, zu denen Finn einmal im Jahr stößt, um zu kämpfen, zu helfen und viel, viel Kupfer zu verdienen, rufen sie Finn. Wer sie nicht kennen darf, ruft sie Janni. Wer ihren offiziellen Namen möchte und jedwede Autorität besitzt, ihn fordern zu dürfen, ruft sie Serafin Keilin. Und wer ihr Freund ist und sie liebt, egal auf welche Art, der ruft sie Finn.

Ihre Plänklerfreunde rufen sie Finn, deshalb kämpft sie mit ihnen. Gerne. Sie würde mit ihnen sterben. Sie rufen sie immer noch Finn, nachdem sie von der ganzen Werfwolfgeschichte erfahren, und auch, wenn sie gelegentlich ihre Silbermünzen herauskramen, um sie damit zu ärgern, so achten sie auch auf Finn. Halten sie auch von Silber fern und warnen andere, Silber doch bitte von ihr fernzuhalten. Sie machen Scherze, aber sie beschützen sie und rufen sie weiterhin Finn.

General Ticktack ruft sie Finn.

Finn weiß, sein Herz ist krank und kaputt, und sie weiß, dass Metall es schlagen lässt. Als sie eines langen, langen Abends zusammensitzen und zusammen trinken, als der Alkohol ihm die Zunge löst, da erzählt er ihr viel, und Finn hört aufmerksam zu. Sie hört immer zu, wenn Leute erzählen, sie beobachtet ihre Mimik und ihre Gestik und unterbricht sie nicht, weil sie auf diese Art so viel mehr als nur die ausgesprochenen Worte erfährt. General Ticktack sieht niemanden an, sieht zu Boden, wenn er spricht, als würde er sich seiner selbst schämen.

„Ich frage mich oft, ob ich überhaupt noch ein Mensch bin, mit diesem künstlichen Ding in der Brust.“, sagt er ihr, blickt weg, blickt zu Boden. „Tag und Nacht höre ich dieses Ticken, habe es immer im Ohr, und ich kann ihm nicht entkommen, wie sehr es mich auch stört, wie sehr ich es auch hasse, weil das Ticken aus mir selbst kommt.“

Er heißt nicht General Ticktack, aber manche, die ihn kennen, nennen ihn so. Selten, damit er nicht in Momenten, in denen das Ticken von etwas anderem übertönt, daran erinnert wird. Er hat einen Namen, und Finn weiß, dass er Familie und Frau hat, zu denen er immer wieder zurückkehrt. Sie selbst mag heimatlos umherziehen, doch er hat ein Heim, das ihn ruft. Wenn sie nach dieser Zusammenkunft, diesen wenigen Tagen, in denen sie Seite an Seite bei den Plänklern kämpfen, auseinander gehen, weiß Finn, dass er zu Familie und geliebter Frau zurückkehrt. Es macht ihr nichts aus, sagt sie sich selbst, auch wenn ein kleiner Stachel bleibt, wenn sie Erzählungen von seiner Familie lauscht und das Strahlen in seinen Augen sieht. Aber es macht ihr wirklich nichts aus. Es beruhigt sie.

Eines Abends, nach langen Stunden des Lagerfeuers, des Trinkens und des Erzählens und einer Müdigkeit in Finns Knochen, dass sie kaum noch denken kann, lässt er sie bei sich im Lager, wo sie ohnehin sind, übernachten. Sie muss dafür nur zwei Schritte weiter zur Seite kriechen und sich fallen lassen, wird von ihm mit seinem Umhang und zwei Decken zugedeckt, während er nur unter ihren Umhang kriecht, er überlässt ihr die volle Entscheidung, ob sie bleiben möchte oder nicht, und fast hat sie das Gefühl, dass er sich freut, nicht alleine zu sein. Es ist, nachdem er ihr vom Ticken erzählt hat und von den Selbstzweifeln, von seiner Überzeugung, ein schlechter Mensch zu sein, und deshalb will sie ihn nicht alleine in der Nacht lassen. Sie liegt neben ihm in der stillsten, ruhigsten Nacht, die sie seit langem hat, schon fast eingeschlafen, aber noch so viel auf der Seele, was sie ihm sagen möchte.

„Ein Mensch definiert sich nicht dadurch, wie viel Metall sich in seinem Körper befindet. Ein Mensch ist, wer so denkt wie ein Mensch, wer Mitleid und Güte zeigen und Gefühle haben kann.“, sagt sie zu ihm, als ihm die Worte zu fehlen, sich zu viele traurige Gedanken in seinem Kopf zu stauen scheinen. „Du kannst von dir halten, was auch immer du tust, aber niemand beurteilt dich. Niemand, dem du wichtig bist, redet schlecht von dir. Du bist ein herzensguter Mensch und einer der besten, der freundlichsten, der gütigsten, der mir in all den Jahren begegnete. Wenn du Fehler machst, dann hasst dich niemand, sondern erklärt dir, wie es richtig funktioniert. Wenn jemand absichtlich Dinge über dich erzählt, die du vergessen möchtest, und nicht damit aufhört, wenn du ihn bittest, dann mache dich los von dieser Person, denn sie hat dich nicht verdient. Wenn du Fehler machst, ist das nicht schön. Aber erinnere dich dann immer daran, was schlimmer wäre. Fehler kann man ausbügeln, fast alle Fehler. Aber wenn jemand stirbt, du jemanden Wichtigen verlierst, das ist endgültig. Wenn du morgen stirbst, ist das endgültig. Wenn du etwas Neues tust, was du nicht gewohnt bist, und dich die Angst lähmt, dann tu es einfach, ohne nachzudenken. Du kannst dich wissen, ob es nicht vielleicht doch klappt. Geht es schief, dann wirst du es wieder gutmachen, irgendwie. Hab keine Angst. Strebe nach den schönen Dingen, strebe nach Glück. Beim Würfeln verlierst du ein paar Mal, verlierst eine Menge Geld – und dann, in der letzten Runde, gewinnst du plötzlich, und du gewinnst die dreifache Menge von dem, was du verloren hast. Wenn du auf die Nase fällst, steh auf und versuche es wieder, dann kannst du gewinnen. Fällst du wieder auf die Nase, hat sich auch nichts geändert, nichts ist schlimmer geworden, aber wenn du nicht aufstehst, dann hast du die Möglichkeit, voranzugehen, von vornherein vertan.“

Und General Ticktack sieht sie an mit feuchten Augen.

„Ich weiß, alles ist leichter gesagt, als es dann getan ist.“, sagt sie. „Ich kenne es, Angst vor neuen Dingen zu haben. Angst vor Versagen ist normal. Aber denke nicht darüber nach. Versuche immer wieder, dich daran zu erinnern, und eines Tages wird es normal sein.“

„Danke.“, wispert General Ticktack.

Sie liegt neben ihm in der Stille, in der Finsternis der Nacht, in der sie ihn nicht alleine lassen wollte mit seinen finsteren Gedanken, und sie würde am liebsten seine Hand nehmen. Sich an seine Schulter legen. Ihm über den Kopf streichen. Sie weiß, dass keine Gefahr besteht, dass er das falsch auslegt, weil er seine Frau hat. Sie weiß, dass sie von ihm niemals etwas wird befürchten müssen, niemals einen Bruch dieser Freundschaft wegen Annäherungsversuchen, derer sie sich erwehren muss, befürchten muss, weil er seine Frau hat. Das ist, was sie so unendlich daran beruhigt und es ihr erlaubt, sich ihm zu öffnen. Dennoch traut sie sich nicht, ihm näher zu kommen als einige Handbreit, selbst mit all den Decken und Umhängen und der Versicherung, dass diese Freundschaft niemals in Gefahr sein wird. Sie traut sich fast nie.

Aber in der finsteren Nacht, als sie  nach ihrem Mut sucht und nach richtigen Worte, um ihn zu überzeugen, dass er ein wunderbarer Mensch ist, da hört sie das leise Ticken.

(Ticketacketicketacketicketacketicketacke)

Fein und leise wie das einer filigranen Uhr. Sie lauscht in der stillsten, ruhigsten, erholsamsten Nacht, die seit langem, langem hatte, dem feinen, gleichmäßigen Ticken.

„Hörst du es?“, fragt General Ticktack neben ihr, und Finn murmelt ein leises, verschlafenes Ja.

„Stört es dich?“, fragt General Ticktack.

„Es ist beruhigend.“, sagt Finn und sagt damit alles, was sie sagen kann über das Metall in seiner Brust und die Tatsache, dass er es nicht hassen muss, dass ihr nichts egaler sein könnte, weil sie ihn kennen gelernt hat und weiß, dass er, Metall oder nicht, mit mehr Gewicht oder nicht, mit mehr Selbstzweifeln oder nicht, ein wunderbarer, geliebter Mensch ist.

„Beruhigend?“, fragt General Ticktack, und Finn nickt in der Finsternis.

„So gleichmäßig und leise und fein. Ich weiß dann, dass du lebst. Dass alles mit dir in Ordnung ist und dass du hier bist, dass du noch lebst.“

Wenn dieses Metall nicht wäre, hätte ich dich dann überhaupt je getroffen?, denkt Finn und ist nicht in der Lage, ihm das zu sagen. Wärest du dann nicht schon lange tot? Habe ich nicht jeden Grund, dieses Metall dafür zu lieben, dass es dich am Leben und hier behält?, denkt Finn und kann es nicht aussprechen, will die Hand nach ihm ausstrecken und ihn berühren, weil das ebenso beruhigend ist, will ihm sagen, dass er ein Mensch ist, ein wunderbarer Mensch.

„Es ist beruhigend.“, murmelt sie, fast schlafend, so müde, so schrecklich müde, und lauscht dem gleichmäßigen, feinen Ticken, das ihn jeden Herzschlag weiter am Leben hält. „Wie Licht in der Nacht, um einem kleinen Kind zu zeigen, dass alles in Ordnung ist.“

Mehr kann sie nicht sagen. Sie bringt nicht die Kraft auf, ihn zu berühren, zieht stattdessen seinen Umhang fester um ihre Schultern. „Beruhigend.“, wispert sie, und lauscht dem Ticken, und schläft. Die ruhigste Nacht seit so langer Zeit.

Freitag, 3. Mai 2013

Update!

Und zwar nicht über merkwürdige Geschichtenschnipsel oder Söldnerinnen, die erst lernen müssen, was ihnen wirklich wichtig ist, sondern seit langem mal wieder über mich. Denn:

Sonntag: Tag des Halbmarathons (29.04.2013, 2:20 h)

Das da ist ein Ausschnitt aus meinem (nicht mehr so richtig) aktuellen Trainingsplan. Ich trainiere strikt nach Plan, weil mir das ein klareres Ziel verleiht und so etwas wie eine mentale Garantie, dass ich das vom Plan gesetzte Ziel erreichen werde, wenn ich ihn nur konsequent verfolge. Ich mag Pläne. Mit dem Laufen angefangen habe ich durch einen 5km-Plan, und der hat geklappt, und dann habe ich einen 10km-Plan verfolgt, der geklappt hat, und dann habe ich einen Halbmarathon-Plan (von der Brigitte *hust*) verfolgt. Und das da oben ist die letzte Woche dieses Plans, und hinter dieser Woche steht ein Häkchen, und hinter dem Tag des Halbmarathons steht die Zeit, die ich gebraucht habe, um ihn erfolgreich hinter mir zu bringen. Das war am 29.04.2013, also letzten Montag, weil ich Sonntag, wie es ursprünglich geplant war, nicht konnte. Und wie man sieht, hab ich die Halbmarathon-Distanz, 21,2 km, erfolgreich in einer Zeit von 2:20 h hinter mich gebracht! Konfetti!

Anyway, die letzten paar Kilometer waren wirklich Folter. Hab ein paar Stufen (6 Stufen) auf der Strecke, da bin ich gestolpert, der Länge nach direkt vor einem Fußgänger hingeschlagen und direkt wieder aufgesprungen und weitergelaufen, deshalb habe ich das als Pause nicht gezählt, aber peinlich war's. Und ich hatte als Trinken nur eine normale kleine Flasche mit, die hab ich mir, wenn ich beim Laufen trinken wollte, am Anfang (als sie noch fast voll und anderthalb Stunden gleichmäßig geschüttelt worden war) fast komplett über die Hand und den Arm gekippt, außerdem war das Zeug  viel zu süß ... aber ich hab's geschafft.

Und dann habe ich nachgeschaut. Hier findet nämlich jedes Jahr ein Citylauf statt - es gibt die Schnupperstrecke, die 6 km, die 10 km und den Halbmarathon (und irgendsoeine Staffellaufgeschichte). Jedes Jahr ein großes Ereignis - Eventzelte überall, Werbung überall, die Zeitung voll davon. Und jedes Jahr habe ich geschaut und neidisch gedacht: Wow, das würdest du auch gerne können. Laufen. Bei so etwas mitmachen und später sagen können, ich hab's geschafft. Ich kann mich noch an das Mädchen erinnern, das immer den Läufern hinterherschaute und davon träumte, das auch zu können. Einfach loslaufen und kilometer-, stundenlang nicht aufhören, einfach laufen, laufen, laufen, weiter und weiter, und wenn sie es selbst versuchte, gab sie auf, weil das gar nicht leicht war, sondern schwer und viel zu anstrengend und sowieso unmöglich für eine unsportliche Person wie sie. Das Mädchen dachte, selbst mal so zu laufen wäre ohnehin unmöglich für sie. Manchmal such ich dieses Mädchen in mir drin, weil sie nämlich noch da ist, nehm sie bei der Hand, wenn sie Selbstzweifel kriegt, und sage: Siehste. Ein Traum. Ein großer, großer Traum, von dem du dir vielleicht nichts kaufen kannst, aber der dir bewiesen hat, dass du mit genug Ehrgeiz jede Menge erreichen kannst. Es funktioniert. Auch eine wie du kann laufen ... kilometer-, stundenlang.

Und nachdem ich im Training erfolgreich die Halbmarathondistanz zurücklegte, ist es nur konsequent, jetzt einen Wettkampf ins Auge zu fassen. Und welchen sonst, als diesen Citylauf? An dem Wochenende habe ich nichts vor. Die Strecke sieht gut aus. Startzeit ist um zehn - völlig in Ordnung, auch wenn ich sonst schon zwei Stunden vorher loslaufe. Egal, besser als abends oder mittags. In drei Wochen - also Zeit genug, den alten Trainingsplan um drei Wochen zurückzuspulen, und somit die jetzige Kondition gut zu halten. Ich kann das schaffen. Ich hab mich angemeldet und ein T-Shirt bestellt, das ich danach wahrscheinlich jeden Tag und bei jedem Lauf tragen werde, alleine schon, um vor aller Welt anzugeben.

Jep. Mein erster Wettkampf. Ein offizieller Sportwettkampf. Einer von jenen sein, die ich jahrelang neidisch beobachtete. Mein erster Laufwettkampf!

Oh mein Gott. Ich glaube, in der Nacht vorher werd ich gar nicht schlafen können ...

Freitag, 12. April 2013

Serafin - Gerüchte aus einem Söldnerleben VII



„You had it all, but you were careless and let it fall. You had it all, and I was by your side – Powerless.“

Vier

Finn besuchte die Postkutschenzentrale, erfragte Fahrpläne und studierte Landkarten und Pläne, fragte nach den Fahrzeiten und erfuhr schließlich, wohin diese eine besondere Kutsche gefahren.

(Als sie Aya sieht, nach all den Jahren, da sitzt Aya in einer Postkutsche, die gerade auf die Stadttore zurollt, und Serafin selbst steht inmitten der Marktbesucher, steht inmitten viel zu vieler Leute vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sich die Kutsche von ihr entfernt, und all diese Leute, all diese viel zu vielen Leute stehen in ihrem Weg, als sie sie alle beiseite schubst und stößt, alle Rücksicht vergessen.)

„Finn,“,  hatte Aya einmal gesagt, „Erzähl doch mal etwas über dich. Ich hab dir meine ganzen schmutzigen Geheimnisse verraten, aber du erzählst nie etwas, behältst immer alle für dich. Das ist nicht fair.“ Mit einem Lächeln hatte sie das gesagt und damit eine Tür in Finn aufgestoßen, die jener das Lachen auf den Lippen gefrieren ließ und die Worte versiegen, mit denen sie sonst doch immer so schnell. 

Damals hatte ich alles, was ich wollte, denkt Finn, vor sich die Karte, die ihr die Route zeigt, die jene wichtigste Postkutsche der weiten, weiten Welt gefahren ist. Und wohin. Sie sitzt spätnachts in einer billigen Spelunke vor dieser Karte, hat sich billigen Alkohol gegen die viel zu kalte Frühlingsnacht geholt und ein tropfendes Talglicht und brütet über dieser Kerze, mit zu wenig Alkohol, um das Denken sein zu lassen. Alles, was ich mir je hätte wünschen können. Ich hatte Aya. Wenig Geld, immer noch Kopfgeld auf mich selbst ausgesetzt und keine Freunde. Aber ich hatte Aya. Und ich hab damals gedacht, es reicht, wenn alles so bleibt. Ich dachte, es reicht, sie muss nicht alles über mich wissen. Ohne nachzudenken hab ich angenommen, es wäre besser, Aya niemals irgendetwas davon zu erzählen, und dadurch hab ich sie losgelassen.

(„Du versteckst deine Geheimnisse, wo ich dir alles von mir erzählt habe, selbst die schlimmen Dinge.“, sagt Aya, und sie blickt nicht weg, gibt Finn nicht die Gnade, das alles einfach sein zu lassen. Zwingt sie, zu reden, obwohl Finn an ihren eigenen Worten erstickt, weil sie merkt, dass sie gar nicht erzählen kann, nicht darüber. „Aber ich beobachte dich, Finn. Ich kann sehen, dass da sehr viel mehr hinter dir steckt. Schlimme Dinge, wie hinter jedem. Blutige Dinge vielleicht.“)

Sie hatte Aya damals alles versprochen. Sie zu beschützen. Sie nie anzulügen. Sie hatte Aya alles versprochen, was diese verlangt hatte, und Aya hatte selten verlangt. Es waren immer nur Finns verzweifelte Versuche gewesen, Aya bei sich zu behalten, die Angst zu kontrollieren, dass sie eines Tages einen riesigen Fehler begehen könnte. So viele Möglichkeiten, Aya zu verlieren, und während Finn versuchte, Aya nicht festzuhalten, weil genau das Aya weglaufen ließ, malte sie sich nachts und in einsamen Stunden jede einzelne mögliche Zukunft aus. Und in so vielen verlor sie Aya auf sie viele Weisen.

(Nicht klammern, nicht klammern, nicht klammern. Sie hat so oft darüber geschimpft, wie andere das tun, und du hast bei jedem dieser anderen gesehen, dass Aya ihnen schließlich weggelaufen ist. Vertrau ihr. Nicht klammern, Finn.)


Fünf

"I watched you fall apart and chased you to the end."
 
(Nicht klammern, nicht klammern, nicht klammern. Sie hat so oft darüber geschimpft, wie andere das tun, und du hast bei jedem dieser anderen gesehen, dass Aya ihnen schließlich weggelaufen ist. Vertrau ihr. Nicht klammern, Finn.

“Aya, bitte.”

Die hellen, fast grauen Augen sehen sie an. Lächeln nicht. „Was? Denkst du, ich würde nicht gehen? Ich zwinge dich doch nicht, mitzukommen, Finn. Aber was ist denn so schlimm daran?“

Finn beißt sich auf die Lippe. Dass es dieses spezielle Land, diese spezielle Grafschaft ist, will sie rufen, will sie schreien, schlimm ist, dass du dir ausgerechnet diesen Baron aussuchen musstest und dass dieser Baron ausgerechnet in diesem Land, ausgerechnet auf dieser Burg leben muss!, aber sie ist still. Sagt nichts, weil das, was sie sagen kann, nicht geht, und alle anderen Worte ihr den Hals verstopfen.

Aya blickt sie an, wartet sehr lange ab, aber Finn kriegt kein Wort heraus, und schließlich schüttelt Aya den Kopf und schließt ihre Satteltasche. „Für mich ist das eine einmalige Chance, mir einen Ruf zu verdienen.“, sagte sie. „Die Arbeit ist für mich ziemlich einfach, ich soll ihm einfach nur ein Buch abschreiben – und für die Zeit habe ich Kost, Logis und nach Prüfung der Arbeit eine sehr großzügige Bezahlung sowie ein Empfehlungsschreiben. Weißt du überhaupt, was das heißt? Geld verdienen wäre nie mehr ein Problem. Ich könnte mir ein Zimmer nehmen, anstatt in den Wintern mich in schmutzige Ecken verkriechen zu müssen.“

Serafin weiß, dass das für Aya die größte Chance des Lebens ist. Aber sie kann nicht mitkommen.
„Wir sehen uns wieder, wenn ich fertig bin, wenn du wirklich nicht mitkommen willst. Aber ich versteh’s nicht, Finn. Warum kannst du mir das nicht erzählen? Vertraust du mir doch nicht?”

Finn schweigt.

“Wir würden uns danach nicht wiedersehen.”, sagt sie. „Ich kann nicht lange an einem Ort bleiben, du weißt nicht, wie lange du dort brauchen wirst. Und er wird dich dabehalten, wenn deine Arbeit ihm gefällt. Du wirst bei ihm bleiben, ziemlich sicher, weil er dir Geld und ein Bett und Essen geben wird. Unterkunft. Und wir werden uns aus den Augen verlieren.”

„Finn.“, murmelt Aya, und ihr Blick wird etwas weicher. „Ich würde dich nicht vergessen. Niemals.“

„Ja, das sagst du jetzt, aber du wirst es.“, fährt Finn fort und kann Aya nicht in die Augen sehen, vergräbt die Hände tief in den abgewetzten Manteltaschen, als würde sie auch sich selbst da drin verstecken können.

„Du kannst doch nachkommen.“

Finn knirscht mit den Zähnen. Das kann sie nicht, aber wenn sie Aya nicht den Grund dafür erklärt, dann wird diese es auch nicht verstehen.)

Finn kann sich so gut an damals erinnern. Aya ist gegangen, dorthin, und die letzten Tage waren nicht schön gewesen. Sie hatten sich gestritten über unnötige Kleinigkeiten und sich angeschwiegen, ohne dass es ein schönes Schweigen gewesen wäre. Und der Abschied erst.

(In letzter Verzweiflung packt Finn Aya am Arm. Das hat sie nie gemacht. „Geh nicht. Bitte.“

“Lass mich los.” Aya sieht sie aus schmalen Augen an, und Finn weiß doch eigentlich, was das heißt, die schmalen, zusammengepressten Lippen, der völlig verkrampfte Körper, aber sie kann Aya nicht loslassen. Denn Finn hat Angst. Schreckliche Angst.

„Erst, wenn du sagst, dass du nicht gehst.“

“LASS MICH LOS!” Gewaltsam reißt Aya sich aus ihrem Griff, Finn stolpert zurück, lässt halb freiwillig los, und hasst sich selbst, wird von Angst verschluckt und von einem Ekel und Abscheu vor sich selbst erfasst, der sie fast würgen lässt. Aya steigt so schnell auf ihr Pferd, wie sie schafft, sieht Finn nur noch einmal an, enttäuscht, zitternd, Tränen in den Augen, aber sie sagt nichts. Sie reitet davon. Ein schmaler Rücken an einem sonnigen, viel zu kalten Herbsttag, an dem leuchtende Blätter durch die Sonnenstrahlen tanzen, und Finn schlägt solange auf die Pflastersteine ein, bis Blut von ihren Händen tropft. Sie sieht Aya davonreiten und weiß, dass sie den schlimmsten Fehler begangen hat, der bei Aya jemals möglich war. So unvorsichtig. So kraftlos, beherrscht von nackter Angst.)

Und immer noch, nach all den Jahren, spürt Finn diese Leere in sich. Damals dachte sie, beherrscht erst von Angst, dann von falschem, dummen Stolz, diese Leere würde sich mit der Zeit geben. Dass sie auch ohne Aya leben könnte. Versuchte, die ganze Angelegenheit einfach abzuhaken und zu vergessen oder zumindest abzuschließen. Und sie merkte, dass sie das nicht konnte. Im Nachhinein dachte Finn jetzt, dass sie genau das eigentlich schon immer gewusst hatte. Jahre hatte sie trotzdem gebraucht.

(Über einen dünnen Kontakt findet Finn heraus, dass Aya tatsächlich noch dort ist. Bei diesem Baron. Diesem Magier. Sie ignoriert ihre Angst, versucht es zumindest, denkt nur an Aya. Versucht erst, einen Brief zu schreiben, doch auf den erhält sie nie eine Antwort. Vielleicht wollte Aya nicht antworten – vielleicht hat dieser Brief sie aber auch nie erreicht, und daran klammert sich Finn. Resolute Entschlossenheit ersetzt Angst, und sie schwört sich, nicht eher aufzugeben, Aya zu erreichen, ehe jene nicht irgendeine Art von deutlicher Antwort gegeben hat, ehe sie nicht noch einmal mit Aya reden konnte. Aya, Aya, Aya. Kaum etwas anderes mehr im Kopf. Finn schmiedet Pläne. Finn schneidet ihre Haare und färbt sie, Finn hüllt sich in dunkle Lumpen, Finn fährt ein Stück, ehe der Kutscher sie bemerkt und sie im Straßengraben landet, bei der Postkutsche mit, und sie fährt zu Aya. Sie versucht, die Angst zu vergessen, die sich in ihrem Magen einnistet, als sie sich in seinem bewegt, seinem Einflussbereich. Er könnte überall sein, so wie Aya, und in jeder Menschenmenge sucht sie eines dieser beiden Gesichter, hoffend und fürchtend.)

Der Magier, der zusammen mit dem Baron diese Ländereien damals wie heute beherrschte und bestellen ließ, war Finns Vater. Ein strenger Mann, unverheiratet, doch ohne Zurückhaltung, wenn es um Besuche der Freudenhäuser ging, mit niedrigen Ansprüchen. Finns Mutter mochte zwar eine Angehörige des Elbenvolks gewesen sein, die doch immer so anmutig und schön sein sollten, doch diese Frau war das schwarze Schaf einer ganzen Art gewesen. Aufgequollen durch den Alkohol, verbraucht und alt. Kein Wunder, dass der Magier nicht aufgepasst hatte. Wer weiß schon, wie, aber Finn war geboren worden.

(„Halb Magier, halb Elbin.”, wisperte Finn, im Fenster hockend, verborgend zwischen den Ranken von wildem Wein, der sich hier üppig am Haus hinaufrankte. Vor sich Aya, die nicht schlecht gestaunt und geweint und gelacht hatte, und hinter sich einen halsbrecherischen Einbruch auf das Gelände des Mannes, den sie so hasste und fürchtete. „Ich hab magische Kräfte, aber die kann ich nicht konrollieren. Ist wie eine Zeitbombe, wenn ich zu zaubern versuche. So ist meine Mutter gestorben – verbrannt. Nur, weil ich wütend war. Aber sie war eine schlechte Frau. Immer betrunken, und hat mich nur geschlagen.” Sie sieht erste Spuren von Furcht in Ayas Augen, und deshalb beschwichtigt sie sie sogleich: “Mittlerweile hab ich ein Siegel auf dem Rücken, das unterdrückt die Magie. Relativ schwach, aber für mich reicht es allemal. Ich bin also eigentlich wie ein Mensch – selbst meine Mutter war keine reine Elbin, von ihr hab ich fast nichts geerbt. Aber nachdem ich meine Mutter in diesem Unfall umgebracht hatte, wurde mein Vater auf die ganze Sache aufmerksam, er hatte gemerkt, dass dort Magie im Spiel gewesen war, und er hat mich gefunden. Mich hierher gebracht. Gefangen gehalten mehr alles andere. Hat alles erfahren. Ein Kind von einer Elbenhure, das noch nicht einmal zuverlässig Magie wirken konnte und auch keine Chance hatte, das jemals erfolgreich zu lerne, unehelich – was für eine Schande für ihn.”

Ganz, ganz leise lacht Finn, auch wenn ihr nicht nach Lachen zumute ist, aber sie lacht immer, denn das hilft, sich selbst ganz zu halten. Das hilft, um nicht vor Angst zu erstarren.

„Hat also den Auftrag gegeben, mich umzubringen. Loszuwerden, unauffällig. Ich konnte fliehen, und er hat’s spitzgekriegt, hat ein Kopfgeld auf mich aussetzen lassen. Deshalb hab ich diesen Ländereien niemals nahe kommen wollen, deshalb konnte ich nicht mitkommen, Aya. Aber ich war dumm. So unglaublich dumm und unglaublich ängstlich, weil ich nichts davon sagen konnte. Ich konnte einfach nicht. Weil ich das noch nie jemandem erzählt habe. Ich hatte all das so tief vergraben, dass ich es nicht mehr geschafft habe, etwas davon wieder ans Licht zu zählen. Ich hatte immer nur Angst, Aya, so unglaubliche Angst, und Angst lässt mich unglaublich dumme Dinge tun. Es tut mir Leid. Alles. So schrecklich Leid.”

In Ayas Augen stehen Tränen, als sie Finn umarmt, so fest, und Finn kann nichts tun, weil sie einfach keine Ahnung hat, was. Sie steht einfach nur ungeschickt da, klammert sich schließlich selbst an Aya, die ihr immer wieder durch die Haare streicht, etwas, was Finn so, so schrecklich vermisst hat, dass sie jetzt gleichzeitig lachen und heulen könnte, und schließlich sagt Aya: „Du bist so ein kleiner Dummkopf. So ein verdammter Sturkopf. Ich war doch an deiner Seite, Finn. Du hast das alles in dir rumgetragen, all die verdammte  Zeit, und ich war die ganze Zeit an deiner Seite und unfähig, irgendetwas zu tun, weil du nichts sagen wolltest. Arme Finn.“

Und Finn weint. Steht in einem Gästezimmer ihres Vaters, des Mannes, der ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt und nicht zögern würde, sie augenblicklich zu töten, mit der Liebe ihres Lebens, und weint, während sie gleichzeitig nur noch aus Glück besteht. 

Finn, die doch immer die Erwachsenere war. Die Ältere, immerhin sechsundzwanzig Jahre, und so harte Jahre.

Und viel zu schnell muss sie sich wieder in der kalten Frühlingsnacht, einer Zeit, in der die Tage den Sommer erahnen lassen und die Nächte noch den Winter atmen, in wildem Wein verstecken und völlig reglos mit Finsternis verschmelzen. Finn schleicht durch die  Dunkelheit, ihr Schwert in der Hand, wenn sie nicht gerade klettern muss, ein zerkratztes, schartiges Kurzschwert, das schwach an einen Säbel erinnert, aber ihr gute Dienste leistet, schleicht und zittert.)

Finn trank ihren billigen Fusel in der dunklen Spelunkenecke, vor sich Karten. Sie hatte nach der ganzen Zeit viele Erinnerungen verloren, vieles unklar und diffus, Namen verloren, wo Finns Namensgedächtnis nie das Beste gewesen war. Aber an diese Stunden erinnerte sie sich sehr gut. An Aya, ihr Gesicht eingebrannt. An die Flucht vom Anwesen, ihr Schwert in der einen Hand, das auch jetzt an ihrem Gürtel hing, ihr Messer in der anderen, das sie nur kurze Zeit später verloren hatte. Sie erinnerte sich an den ersten Wächter, der sie entdeckte, und sie tötete ihn, während er ihr nur eine tiefe Schnittwunde auf der linken Schulter zufügte. Die Narbe schmerzte immer noch.

(Finn ignoriert die Schmerzen und rennt nur noch in die Nacht, rennt zum Wasser, rennt in den Wald, weil sie weiß, dass dieser Tod ihr nur Stunden gekauft hat, allerhöchstens. Noch auf den Feldern allerdings hört sie Schreie. Rufe. Klirren und den dumpfen Knall sich wieder schließender Tore. Hört galoppierende Pferde. Er weiß, dass sie da ist. Irgendwo, und er ist fester denn je entschlossen, sie endlich zu finden. Finn läuft durch Finsternis, durch die Reihen von Korn und Rüben. Läuft durch Bachläufe, auf den dunklen Wald zu, und bleibt in den Bachläufen, während am Horizont der Morgen graut.)

Finn trank, trank den billigen Fusel, aber die Erinnerungen waren da und ließen sich nicht aufhalten, die Karte auf dem Tisch vor ihr verfolgte sie und fesselte ihren Blick, zog sie in sich hinein, hypnotisierte und erinnerte sie. Verhöhnte sie, und Finn glaubte fast, wieder die Rufe des Magiers und der Soldaten zu hören, die sich an einem wunderschönen Frühlingsmorgen durch einen grünleuchtenden, duftenden Wald kämpfen und nur bloße Steinwürfe von ihrem Ziel entfernt sind. Die Bögen haben sie bereits beim ersten Licht herausgeholt.

(Finn erreicht den Wald, stolpert in die Bäume, ihre Lunge brennt, explodiert fast, von ihrer Schulter tropft Blut und der Arm hängt nutzlos herab. Sie hört Reiter hinter sich, greift mit der anderen, noch gesunden Hand ihr Schwert verbissen fester, dreht sich hinter einen schützenden schmalen Baum und halb den Kopf zur Seite, sieht im selben Moment den Reiter seitlich auf sich zukommen, Bogen und Pfeil  schon nicht mehr im Anschlag, im selben Moment, als sie das sieht, trifft der abgeschossene Pfeil eben jenes versteckten Reiters sie, im selben Moment, in dem Finn das Schwert zur Abwehr erhoben. Die Klinge teilt den Bogen des Reiters, bohrt sich in seinen Bauch und reißt ihn vom Pferd, aber das Schwert fällt Finn aus der Hand und sie selbst halb zu Boden, sich nur durch schiere Willenskraft nicht schreiend an dem Baum festhaltend so fest, dass ihre Fingerspitzen an der rauen Rinde aufreißen.)

Finn legte eine Hand auf die Brust und spürte die Narbe dieses Pfeils unter dem Hemd. Stechend. Ein tiefer, tiefer Schmerz, der ihr immer noch den Hals abschnürte, kurz unter dem Schlüsselbein. Sie erinnerte sich an die Schmerzen und trank … der Fusel war alle. Fluchte.

(Sie rennt. Sie weiß nicht, wie, sie hört die Rufe hinter sich der anderen Reiter, die den Aufruhr eben natürlich gesehen haben, die nun sehr genau wissen, wo sie ist, unter ihnen der Magier, mit ernster Miene und klaren Augen, der ihr nur eines wünscht und das schon immer sehr, sehr klar gemacht hat. Kein Mann, der Gnade walten lässt.

In Bäume stolpert sie. Durch Büsche. Zerkratzt ihre Haut und zerreißt ihre Kleidung an Dornenbüschen und kümmert sich nicht herum, atmet Luft, die sich wie Säure in ihren Lungen anfühlt, jeder Atemzug ein Kampf. Finn rennt.

Hinter sich Äste brechen, sie duckt sich, fällt zu Boden und rollt sich ab, sodass sie dem Reiter entgegensieht, das Schwert schwingt sie mehr blind als alles andere und bohrt es dem Pferd in die Brust, es fällt, begräbt seinen schreienden Reiter unter sich, und einer der anderen Reiter, der noch viel weiter hinten ist, schießt einen Pfeil ab, der sie trifft.)

Finn war fast, als würde sie wieder nicht atmen können, raufte sich die Haare und starrte die Karte an, als könne sie irgendetwas ändern. Sie spürte die erste Narbe unter dem linken Schlüsselbein, die sich anfühlte wie ein tief sitzender Dorn, nur unendlich viel größer, schmerzlicher, und die zweite, wo der Pfeil ziemlich zentral auf das Brustbein getroffen hatte, daran abgerutscht und seitlich eingedrungen war. In die Lunge. Sie steht auf, muss innehalten, als der Alkohol über sie hinwegrauscht und es ihr schwarz vor Augen wird, stolpert kontrolliert zum Tresen und bestellt neuen Fusel. Den allerbilligsten. Weil es für heute abend keine andere Möglichkeit mehr gibt. Und die Narben brennen. Das tun sie oft.

(Finn versucht, sich wieder irgendwie hochzuziehen, aber sie stolpert, fällt vorwärts, die Pfeile brechen ab, und diesmal schreit sie wirklich, kriecht nur noch durch Efeu und Moos und Büsche und hinter den Stumpf eines umgestürzten Baumes, ein Versteck nur auf Zeit, auf so kurze Zeit, ein Versteck so offensichtlich, dass es nur Sekunden dauern wird. Aber Finn ist nicht dumm, und schwach ist sie auch nicht. Nicht, wenn darauf ankommt. Ihre rechte Hand, die einzige noch bewegliche, lässt das Schwert los und packt das Messer, so fest sie kann. Sie versucht, zu atmen, und verdrängt die Tatsache, dass sie noch so viel atmen kann, nichts davon scheint ihren Körper zu erreichen, und ihre Brust ist schrecklich heiß und eisig kalt zur gleichen Zeit, atmet erst von alleine, im nächsten sind Atemzüge unmöglich, und ihr Herz stolpert ebenso wie Finn selbst.

Aber sie denkt an Aya.

Sie packt das Messer. Sammelt alle verfügbare Kraft. Hält die Luft an, spannt jeden einzelnen Muskeln ihres ganzen Körpers an, packt die Wurzeln des Baumstumpfes, dreht sich um, horcht auf Reiter und Rufe und Stille des Waldes und spürt Magie. Springt hoch, genug, um über den Baumstumpf zu ragen und werfen zu können, und mit aller Kraft wirft sie das Messer, sieht nur noch einen Mann vor sich, fokussiert auf ihn, als wäre er das Zentrum ihrer Welt, wirft das Messer mit allen Gedanken voller Hass, die sie ihm gegenüber hegt. Natürlich sehen sie alle sie. Natürlich fliegen Pfeile.)

Finn trinkt billigen Alkohol, der ihr den Hals verbrennt und Tränen in die Augen steigen lässt, aber langsam beginnt, sie träge zu machen. Benommen, und dieses Mal ist das gut. Alles betäubend.

(Natürlich trifft einer der Pfeile sie.)


Sechs

(Finn liegt auf Laub, kleinen Ästen und zwischen Büschen, neben sich einen Baum mit glatter Rinde. Der Name will ihr nicht einfallen, sie kann kaum ihre Gedanken auf diesen Baum lenken, auch wenn seine Blätter so schön grün über ihr leuchten in der klaren Frühlingsmorgensonne.)

Finn saß in der dunklen Ecke eines Schankraums, abgeschottet genug, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, in genug Entfernung zu der Prügelei, die vor der Theke begonnen hatte, dass kein verirrter Betrunkener auf ihren Tisch fallen konnte.

(Ein Gesicht beugt sich über sie, aber sie kann sich kaum erinnern, wer das ist. Sie sieht die Symbole auf seiner gepflegten, sorgfältig genähten Kleidung und nur mit Mühe und Not, als wäre ihr Gedächtnis nur noch ein träger Sumpf, erinnert sie sich, dass das ein Magier ist. In ihrem Mund ist eine klebrige, warme Flüssigkeit, und reflexartig muss sie husten, als sie sich daran zu verschlucken droht, und die Flüssigkeit fließt über Wange und Kinn, während Finn sich nur im Nebel ihrer Gedanken fragen kann, was das eigentlich ist. Und was für Schmerzen, die sie so lähmen. Sie erinnert sich nur mühsam. Ach, so mühsam. Das ist dein Vater, denkt sie, während sein harter, kalter Blick sie mustert. Drei Pfeile in der Brust, ein Blick, der in der Ewigkeit verschwindet, und kaum mehr fähig, auch nur zu blinzeln. Sie kann ja nicht einmal mehr wirklich denken.)

(Der Alkohol betäubte, aber Erinnerungen verschwanden nicht mehr. Und ihre Brust schmerzte.)

(„Lasst sie liegen.“, sagt der Mann über ihr, und seine Stimme klingt nach der eines Fremden. „Die Pfeile haben ihre Lunge getroffen, das überlebt sie nicht ohne magische Heilung, und sie hat nur noch Minuten. Hier wird sie so schnell kein Heiler mehr finden. Die Arbeit ist erledigt.“

„Wegen des Kopfgelds …“

Geld klirrt. Münzen glitzern über Serafin, als sie zu anderen geworfen werden. Ein letzter, kalter Blick, ein zufriedenes Nicken, nicht einmal ein letztes Wort, Pferdehufe, die sich entfernen, Gelächter von Männern.

Stille des Waldes. Und Finns Atem, der in ihren Ohren dröhnt, klingt wie eine Schüssel voller Kieselsteine. Jeder Atemzug ein Kampf. Jeder Atemzug flacher, später als der vorangegangene. Sie weiß irgendwie, dass sie stirbt. Und Tränen laufen aus ihren Augen und hinab. Das Messer, das sie geworfen hat, das Messer, wofür sie mit dem dritten Pfeil in der Brust bezahlt hat, hat den Magier in die Schulter getroffen. Ein schmerzhafter Treffer, aber längst nichts, weswegen er auch nur eine Miene verziehen würde. Eine kurze Heilung, und die Wunde würde sich wieder geschlossen haben. Wenn er die magische Heilung vollzog, nicht einmal mehr eine Narbe zurückbleibend.)

Finn blickte auf die Karten. 

Jahre waren vergangen, und die Wunden zu Narben geworden. Sie hatte Aya damals alles erklärt, und Aya wusste, weshalb Finn diese Ländereien, diese ganz bestimmten, immer meiden wollte. Aya hatte ihr versprochen, dass sie zurückkommen würde, wenn ihre Arbeit getan war, und Finn war geflüchtet. Dann gejagt worden.

(Die Blätter sind so grün und leuchtend, der Himmel so blau, so tief und rein blau, die Luft so klar, die Vögel singen und übertreffen sich gegenseitig mit ihren Konzerten, Finn riecht Erde und Blumen und klare, klare Morgenluft, Sonne wärmt den Wald langsam auf, und Finn stirbt.)

Sie erinnerte sich an das Sterben.

Jahre waren vergangen, und über das Dazwischen würde Finn nur mit einer Person reden. Nur mit dieser einen Elbin, die sie in diesen Jahren kennen gelernt hatte, mit der sie gereist war. Jahre waren vergangen, ehe Finn hatte hierher zurückgefunden. Ehe sie Aya wiedergefunden und nun endlich herausgekriegt, wo diese sich aufhielt zur Zeit.

(Blut verstopft ihren Hals, und Tränen fließen über ihr Gesicht, und sie denkt an Aya. Ob die jemals erfahren wird, dass Finn hier, im Wald, gestorben ist. Ein letzter Atemzug. Vogelsang. Sie glaubt nicht, dass die Kraft für noch mehr Atem noch hat. Versucht es. Ihr Brustkorb hebt sich nicht. Verweigert alles. Kalte Frühlingsluft auf dem Gesicht und warmes Blut.

Aya. Aya im Kopf, Aya in den Gedanken, immer nur Aya. Aya, Aya, Aya. Kein Atem mehr. Sie versucht es für Aya, aber ihr Brustkorb verweigert alles. Keine Kraft mehr.

Und Stille.)

Finn stolperte aus der Taverne, herausgescheucht vom Wirt zusammen mit den letzten Betrunkenen, und entfernte sich trotz alles Alkohols in ihrem System schnell und leise genug von jenen. Spürte die Übelkeit der Ausnüchterung und beginnende Klarheit, die die kalte Nachtluft mit sich brachte. Zerknitterte in ihrer verkrampften Hand die Karte, auf der sie eingezeichnet hatte, wohin Aya gefahren.

Direkt in die Ländereien jenes Barons, wo auch jener Magier lebte. Direkt dorthin. Wo Finn vor Jahren gestorben – und musste Aya das nicht irgendwie erfahren haben damals, irgendwie? – und trotz dem Aya doch wusste, was jener Magier für ein Mann war und was für Gefahr er und jeder hier im Umkreis für Serafin bedeuteten, hier, wo sie mehr als irgendwo anders Gefahr lief, erkannt und gejagt zu werden dank allzu korrekter Suchplakate. Sie stolperte durch die Nacht, und in ihrem Kopf rotierte, ungebremst vom Nebel des Alkohols, nur eine einzige Frage.

Warum bist du dahin zurückgefahren, wo ich gestorben bin, Aya? Warum bist du dorthin zurück, wenn du doch nach all der Zeit mit deiner Arbeit fertig sein müsstest, wenn du doch damals mitgekriegt haben musst, dass dein Arbeitgeber im Wald eine Landstreicherin, billige Söldnerin mit Kopfgeld, erledigt hatte, die unbefugt auf seine Ländereien eingedrungen war?

Warum, Aya? Warum?

Und die einzige Antwort, die Finn hat, ist, dass sie dorthin zurückkehren muss. Weil das der einzige Weg ist, Aya jemals wiederzufinden und die Wahrheit herauszufinden – warum Aya zurückgekehrt ist. Warum Aya sie gesehen und nicht erkannt hat.



„You’ll never know what I became because of you
Ten thousand promises, ten thousand ways to lose.”


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(Lyrics: Linkin Park - Powerless)