Samstag, 15. September 2012

Serafin - Gerüchte aus einem Söldnerleben III


„Was ist denn mit euch los? Hier drinnen seid ihr doch in Sicherheit! Die können hier nicht rein!“, rief sie, skeptisch den Schutzkreis auf dem Boden beäugend, in den sie alle sich drängten. Da war die Heilerin, deren Namen Serafin gerade irgendwie entfallen war, jene, der sie noch vor ein paar Stunden ihren Dolch geliehen hatte, damit sie wenigstens ein wenig auf sich selbst aufpassen konnte. Nun hielt diese Heilerin ebenjenen Dolch zwischen sich und Serafin, die Augen angstvoll aufgerissen.

„Die nicht. Aber du.“, entgegnete Sairon, und sein Schwert richtete sich auf Serafins Hals. „Komm nicht einen Schritt weiter, Finn. Bleib da stehen. Ich meine es ernst.“

„Du würdest mich töten?“, fragte sie, das Grinsen verschwindend, die Mundwinkel sinkend. Tränen in den Augen. „Du würdest mich wirklich töten? Aber wir sind doch Freunde!“

„Wenn du weitergehst, sind wir das nicht mehr, Finn. Bleib da stehen. Ich will nicht, aber ich werde zustechen.“

Serafin sah ihm tief, tief in die Augen, während sie stehen blieb, mit den Füßen halb im Schutzkreis, von dem sie nichts spürte außer Kälte wie von einem Luftzug.

„Du meinst das ernst.“, wisperte sie. „Du würdest mich tatsächlich töten. Wir sind doch Freunde.“

„Bleib da stehen.“

„Freunde.“ Trat einen Schritt vor.

„Finn, bleib da!“, schrie Sairon, und Finns Nase zuckte, ihre Augen weiteten sich. Sie sah alles so überdeutlich, der Lärm, den die Wesen auf der anderen Seite der Eingangsbarriere machten, dröhnte in ihren Ohren, der Geruch der Menschen vor ihr schien ihr die Nase zu verstopfen. Genauso deutlich sah sie die Angst in den Augen ihrer Freunde. Sah, wie Sairon die anderen beschützend hinter sich schob, jene, denen Serafin geholfen hatte im Kampf gegen die Eingeborenen. In ihrem Magen brannte die Wut darüber, Wut über Verrat und Einsamkeit, wie ein heißes Feuer, aber sie machte einen Schritt vor.

„Ich bin doch immer noch Finn.“, wisperte sie, und in dem Moment, in dem Sairons Klinge auf sie zufuhr, spürte sie nur noch etwas Kaltes im Nacken.

Und sank niedergeschlagen und bewusstlos zu Boden.




Ihr Kopf schmerzte, aber das war der Schmerz einer Fremden. Echter Schmerz brannte in ihrem Magen und loderte hell auf, als Serafin merkte, dass sie gefesselt in der Taverne saß. Hände, Füße, sogar noch einmal an den Stuhl gebunden.

„Und was soll das jetzt?!“, rief sie, die Wut unterdrückend, weil sie wusste, dass das keine Lösung war. Misstrauische Blicke waren ihre Antwort. „Ich weiß, ich hab mich ab und an vielleicht komisch verhalten, aber mich niederschlagen?“

„Du verwandelst dich, Serafin.“

Nein, dachte sie. Nein. Ich verwandle mich nicht. Ich bin immer noch ich. Immer noch ich. Immer noch Finn. „Hab ich spitze Zähne? Fell irgendwo? Wolfsaugen? Nein? Also verwandle ich mich auch nicht.“ Immer noch ich. Die Wölfe meine Freunde. „Hab ich jemanden beißen wollen? Nein. Okay?“

„Das kann noch kommen, Serafin. Im Moment bist du vielleicht noch du selbst. Vielleicht auch schon nicht mehr, woher sollen wir das wissen?“ Sairon sah sie an mit bitterernster Miene, der Hand an seinem Schwert und großem Sicherheitsabstand. „Wir können dir nicht mehr trauen.“

„Selbst wenn ich euch sage, dass ich immer noch ich bin?“, fragte sie ernst, jegliche Grinsereien verschwunden. „Selbst wenn ich es euch verzeihen würde, mich niedergeknüppelt zu haben?“

Sairon blickte sie an, Finsternis in den Augen. „Ja.“, sagte er. „Selbst dann.“

Und Serafin begann zu verstehen, dass sie etwas verloren hatte.

„Das heißt, sobald deine Freunde sich verändern, beginnst du, sie zu schlagen. Wenn sie etwas tun, was du nicht verstehst, wendest du ihnen den Rücken zu. Wenn sie dir sagen, du kannst ihnen vertrauen, dann hörst du auf, sie deine Freunde zu nennen.“ Unbewusst immer lauter werdend, aber dafür verstand Finn langsam.

„Wenn sich jemand verändert, dann stößt du ihn fort, anstatt erst einmal zu versuchen, ihn zu verstehen.“, knurrte sie. „Aber kein Problem, Sairon. Dann hau halt ab. Ich hätts mir ja denken müssen. Wenn Menschen was Neues akzeptieren müssen, dann lehnen sie es lieber vollständig ab, anstatt es zu verstehen.“

„Finn …“

„Früher oder später gehen sie alle.“, knurrte sie, und diesmal war er es, der unter ihrem Blick als Erster wegsah.

Und hinausging.

Die Heilerin warf Finn einen bedauernden Blick zu, aber auf Finn Grinsen hin lächelte sie nicht zurück, schüttelte nur den Kopf. „Könnt ihr mich nicht wenigstens losbinden?!“, rief Finn ihnen noch hinterher, als sie hinausgingen, wo weiter weg, bei ihrem Camp, Alarm vor Eingeborenen geschlagen wurde. „Ich hau auch ab! Ihr braucht mich nur losbinden, dann seid ihr mich los!“

„Wir wollen dir doch helfen!“, rief die Heilerin, irgendwas mit E, Finn erinnerte sich beim besten Willen nicht mehr. Tränen hatte sie in den hellen Augen. „Wir finden bestimmt irgendwas, womit wir dir helfen können, aber dafür musst du hier bleiben!“

Und Finn sah sie an. „Ich bin nicht krank.“, knurrte sie. „Ich brauche keine Hilfe.“

Das Mädchen schluchzte auf, lief den anderen hinterher. Finn bemerkte, dass nur noch eine Person übrig geblieben war, die sie zuvor gar nicht bemerkt hatte, weil sie sich leise weinend im Hintergrund gehalten hatte.

„Na los.“, wisperte sie. „Hau ab. So machst du es für uns beide leichter.“

Eorindiel kniete sich neben sie, die Hände auf Finns Knie, das Gesicht ein Spiegel des Elends. „Serafin, ich …“

„Jeder geht irgendwann. Mein Vater ist als Erster gegangen. Meine Mutter ist gegangen.“

(Hast sie selbst gehen lassen, Finn, wispert es in ihrem Kopf, hast sie doch immerhin selbst verbrennen lassen, aber Finn schüttelt den Kopf. Sie hat sich schon Jahre vorher von mir abgewendet, denkt sie, sie ist schon lange vor ihrem Tod weggegangen)

„Jeder Landstreicher wendet sich gegen dich, sobald du Kupfer oder Essen in den Taschen hast. Jeder Söldnerkollege, wenn es nur genug Kupfer ist. Selbst Aya hat versprochen, niemals wegzugehen, und dann?“

(Herbstblätter fallen von den Bäumen vor einem blaublaublauen Himmel, die Straße ist trocken und weit und teilt sich in vier Richtungen, und Finn sieht Aya davonreiten in die ihr entgegengesetzte Richtung, während leuchtend gelbe und flammend rote Blätter durch die Luft segeln und trotz klarer Luft und heller Sonne Kälte in der Luft liegt, will Aya zurückrufen, hinter ihr herrennen und sie zurückzerren, wenn es sein muss – und doch weiß sie, dass mit jedem Griff nach Aya diese noch weiter von ihr fortlaufen wird.)

„Ist auch Aya gegangen.“, wisperte Serafin.

„Ich … Finn, wir wollen doch nur helfen!“

„Mir muss nicht geholfen werden!“, schrie Finn. „Warum könnt ihr nicht einfach hinnehmen, dass ich mich verändert habe?! Warum könnt ihr mir nicht vertrauen, wenigstens du?!“

„Aber wie sollen wir denn wissen, dass du noch du selbst bist? Woher sollen wir denn wissen, dass du uns nicht anlügst?“, rief die Elbin, die Haare zerzaust, die Augen verweint, aber vom schlechten Gewissen war Serafin nun meilenweit entfernt.

„Genau darum geht es beim Vertrauen, Eorindiel.“ Sie sah die Elbin an, kein Grinsen im Gesicht, kein fröhliches Freunde! auf den Lippen. „Du kannst es nicht wissen, du musst einfach blind vertrauen. Blind. Früher oder später verliert das jeder. Und das ist der Punkt, an dem jeder geht. Genau wie du einmal gehen wirst, weil du mir nicht mehr vertraust. Jeder haut irgendwann ab, also kannst du mich auch jetzt schon aus deinem Leben schmeißen, wenn du kein Vertrauen mehr in mich hast.“

Tränen liefen über die blasse Elbenhaut, und in Serafins Magen brannte blanke Wut, die eiskalte, gefrorene Tränen der Einsamkeit überstrahlte.

In der Ferne rief jemand nach der Elbin, irgendein Magiefirlefanz, irgendein unwichtiges Ritual, für das sie gebraucht wurde.

Eorindiel warf Finn einen langen Blick zu, wisperte „Es tut mir Leid, Finn. Wir wollen doch nur helfen.“ und ging.

Finn blieb zurück.

Alleine.

„Jeder geht irgendwann.“, wisperte sie und sah den schmalen Rücken vor dem strahlend blauen Himmel, umwirbelt von Herbstlaub, vor sich. „Aya ist gegangen. Und du wirst auch irgendwann gehen.“

Dienstag, 11. September 2012

Serafin - Gerüchte aus einem Söldnerleben II


Langsam dämmerte die Welt, und langsam sammelten sich ihre Gedanken wieder.

Keine Schmerzen, merkte sie, aber irgendwie kam ihr das nicht sonderlich merkwürdig vor. Sie blickte auf ihre Schulter, sah Narbengewebe, das sich bis zum Hals hochzuziehen schien, alles schon verheilt, nur grobe, dicke Narben zurücklassend. Serafin wusste, dass jemand sie magisch geheilt hatte.

Aber irgendwie machte ihr das nicht allzu viel aus.

„Sie ist wach!“, rief jemand, sie blickte nach vorne. Sie saß in der Taverne, neben sich ein anderer Verwundeter, Heiler um sie herum und jener Bote, der schon versucht hatte, zu helfen. Ihr Prinzesschen war da, und auch jene Heilerin, die ebenfalls den Werwolf sehen konnte.

Zu spät, wisperte es in ihrem Kopf.

Der Botenläufer, Sairon, war da und sah ihr in die Augen. „Hey. Wie geht’s?“

Serafin blinzelte, etwas unschlüssig. „Tut nicht mehr weh.“

Grinste breit. Sairon kniff misstrauisch die Augen zusammen, als Serafin den Kopf in den Nacken lehnte, sich umsah. Sich vorsichtig bewegte. „Hui.“, grinste sie. „Tut gar nichts mehr weh. Ich fühl mich so … so hui!“

Und grinste noch breiter.

Eine der Heilerinnen legte ihr die Hand auf den Kopf. „Sie hat kein Fieber … aber die Wunden sind geheilt.“

„Ich fühl mich richtig gut.“, grinste Serafin. „Hey, scheiß magische Heilung, aber mir geht’s … hui!“

„Da stimmt doch was nicht mit ihr.“, wisperte einer. „Hat sie noch mehr abbekommen?“

„Holt mal einen der Magier her!“

(Sie sah die misstrauischen Blicke der anderen, aber sie grinste, denn alles fühlte sich so wunderbar an. So HUI)

Der Magier kam.

„Ihr habt die Wunde doch vorher gesäubert?“

Die Heilerin nickte, schüttelte dann aber den Kopf. „Naja … wir haben sie ausgewaschen, dann verbunden und geheilt.“

(Serafin dreht den Kopf, hört zufrieden das Knacken in den Gelenken, während alles in viel stärkeren, kräftigeren Farben leuchtet, und grinst erneut. Gute Laune. Ganz wunderbare gute Laune.)

„Ja, seid ihr denn von Sinnen!“, tobte der Magier. „Durch einen Werwolfbiss gelangt doch das Gift in die Adern, und das müsst ihr vor der Heilung entfernen lassen! Da kommen wir jetzt nicht mehr ran!“

(Skeptische und etwas ängstliche Blicke treffen auf Serafin, sie grinst und wundert sich, warum die anderen nicht zurückgrinsen)

Sie ließen sie in der Taverne zurück, bei den Heilern, während Serafin sich noch umsah, denn draußen wurde noch immer gekämpft, und andere beobachteten Serafin. Doch als die unsichtbaren anderen sich zurückzogen, als wieder Ruhe einkehrte im Lager, da stand Serafin einfach auf und ging hinaus. Einerseits wartete sie darauf, dass jemand sie aufhalten würde, doch nur Rufe folgten ihr. Sie ging zurück in ihr Lager, zu ihren Freunden, die dort alle saßen, und grinste ihnen zu, ihr Schwert in der Hand, das viel leichter geworden zu sein schien. Sie wirbelte es durch die Luft, staunte über ihre neue Körperbeherrschung und verzog beleidigt das Gesicht, als sie die misstrauischen und erschrockenen Mienen ihrer Freunde sah.

„Bist du sicher, dass du draußen herumlaufen solltest?“, fragte Sairon sie, mehrere Schritte Abstand wahrend, und Serafin grinste. Dehnte ihren Kopf einmal rundherum. Breitete die Arme aus.

„Mir geht’s doch gut!“, antwortete sie enthusiastisch. „Mir ging‘s noch nie so fantastisch!“

Sie schnüffelte. Die Luft roch anders. Neu. Bekannt, und doch sind da auf einmal so viel mehr Gerüche als je zuvor. Sie roch die Freunde, roch den süßen Elfenduft und den Gestank von Menschenschweiß, roch Blut in der Luft, roch feuchte Erde, die Blumen, die dort hinten wuchsen, den Duft aus der Taverne, roch Nadelbäume und würziges Gras.

(Und alle weichen von ihr zurück)

„Vielleicht sollte jemand ihr die Waffen wegnehmen.“, wisperte jene Heilerin, die den Wolf auch sehen konnte

(zu spät, zu spääät, Serafin stand alleine da)

und obwohl sie so leise gewispert und nicht sehr dicht bei Serafin gestanden hatte, verstand diese das sehr deutlich.

„Aber mir geht’s doch gut!“, rief sie erneut, und Eorindiel schüttelte den Kopf.

„Du drehst durch!“, antwortete sie, mit so fester Stimme wie möglich. „Du verwandelst dich vielleicht gerade in einen Werwolf, Finn!“

„Aber ich verwandle mich doch gar nicht! Sind meine Zähne spitzer geworden?“ Wie zum Beweis riss sie den Mund auf, und zögerlich schüttelte die Elfe den Kopf. „Wachsen mir Haare auf den Zähnen? Fange ich an, jemanden zu beißen? Will ich auf einmal blutiges Fleisch essen? Nein!“

Doch sie sah an den Gesichtern ihrer Freunde, dass es nach deren Meinung keinesfalls so bleiben musste.

Und dann griffen die Eingeborenen erneut an – und mit ihnen kamen die Werwölfe zurück. Serafin sah ihn, ihren Freund, und lief auf ihn zu, das Schwert gesenkt, die Arme ausgebreitet, ein breites Grinsen. Die Möglichkeit, von ihnen angegriffen zu werden, kam ihr gar nicht erst in den Sinn, die Wölfe waren ihre Freunde, sie rochen so richtig, ihr eigener Herzschlag schien sich in Einklang mit ihnen zu befinden.

Der Wolf zerfetzte sie nicht. Schien erst misstrauisch, doch auch Serafins Geruch hatte sich verändert. Er schnüffelte ausführlich, knurrte erst leise, rieb dann den Kopf an ihrem, und sie lachte, schnüffelte. Heulte in den Himmel, und er heulte mit ihr.

Die Wölfin packte sie, schob sie mit sich, und Serafin ging bereitwillig mit ihr. „Serafin!“, schrie Eorindiel, „wo willst du denn hin?! Jetzt komm zurück!“

Und Serafin grinste. „Aber ich will nicht. Es sind meine Freunde, Eo.“

Die Elfe hatte Tränen in den Augen, und früher hätte Serafin das zu allem getrieben. Aber jetzt verstand sie nicht mehr, wie sie Angst hatte haben können vor ihren Freunden

(Alle waren ihre Freunde!)

und die Elfentränen riefen nur Unverständnis und Verwunderung in ihr hervor.

„Denk an Aya!“, schrie Eo, so verzweifelt, dass es Serafin einst das Herz zerrissen hätte. Doch Serafin drehte sich um und ging, folgte den Wölfen. „Denk doch an Aya! Wenn du sie wiederfindest, willst du dann, dass sie von dir getötet wird?!“

Serafin blieb tatsächlich stehen und blickte sich um. Sie dachte nach, und ihr Gedächtnis war nur das ihre.

„Ich vertraue Aya.“, wisperte sie. „Grenzenlos. Und sie vertraut mir. Ich werde sie nicht in Stücke reißen. Denn sie wird mir vertrauen, das nicht zu tun.“

Serafin drehte sich um.

Vor ihr stand einer der Eingeborenen. Einer der Berserker. Er grinste breit, sie grinste zurück, streckte die Arme aus, in einer Hand ihr geliebtes Schwert, sah noch die Knochenkette, die um seinen Hals hing, und da zog er bereits seine Klinge über ihr Bein. Sie schwang bereits ihr Schwert, da drehte er sich schon um und nahm Reißaus, aber Serafin starrte fasziniert auf die Beinwunde.

„Guck mal!“, rief sie überrascht der Heilerin zu, die bereits angerannt kam. „Das tut gar nicht weh! Warum hat der mich angegriffen? Warum macht der sowas Gemeines? Ich hab ihm doch gar nichts getan!“

„Tja, es sind nun einmal Wilde.“, gab die Heilerin schulterzuckend zurück, doch ihre Augen verfolgten schreckensgeweitet, wie Serafin mit dem Finger in ihrer Beinwunde herumpulte und fasziniert auf ihr eigenes Blut starrte.

„Tut gar nicht weh.“, stellte sie begeistert fest. Stand auf. Eo vor sich, die bereits mit ihrer Tirade fortfahren wollte, und schon näherte sich auch wieder der Werwolf, Serafin roch ihn, grinste noch begeisterter, mit noch mehr Zähnen, und Eo packte sie bei den Schultern. „Du bleibst hier!“

Eine Antwort blieb Serafin erspart, denn da erschien der Golem.

Sie konnte ihn nicht sehen, konnte nur auf Erzählungen und Reaktionen der anderen bauen, aber sie sah, wie das Gras sich unter dem massiven Gewicht bog, als der Golem direkt neben ihr entlang ging. Die Elfe sah ihn später, als Serafin ihn bereits gerochen hatte, und unter einem lauten Schreckensschrei rannte sie davon, in einer Geschwindigkeit, derer nur Elfen mächtig sein konnten. Serafin grinste. Sie hatte keine Chance, dem zu folgen, und sie konnte die Elfe auch nicht vor diesem Wesen beschützen, das sie nicht einmal sehen konnte.

Also brauchte sie gar nicht erst versuchen, hinterher zu rennen. Also konnte sie den Wölfen folgen.

Sie humpelte zur Taverne, vor der die Wölfe standen. So, wie die anderen kämpften, stand da auch der Schattenkrieger, aber es waren die Wölfe, die Serafin vor allem witterte. Innen drin drängten die anderen sich in den Schutzkreis, das konnte sie sehen, doch Wölfe und Schattenkrieger waren trotzdem dazu verdammt, vor der Taverne gegen die Schutzbarriere zu schlagen. Jene Barriere, die Serafin zuvor ebenfalls hatte übertreten dürfen, weil sie ja nur ein Mensch war.

Sie grinste. Schnüffelte an ihren Wolfsfreunden, heulte auf, und fragte sich, ob sie diese Barriere wohl immer noch übertreten konnte. Schwang ihr Schwert.

„Serafin, bleib da draußen!“, rief Sairon. „Ich mein es ernst!“

Und dieses Misstrauen, dass sie in den Augen ihrer … Freunde? … sah, diese Angst vor Serafin selbst, das ließ zum ersten Mal Risse in Serafins Herzem entstehen.

Ihr Grinsen wurde schlecht gelaunter. Sie trat vor – und keine Barriere schlug sie zurück.

Serafin grinste, und jene, für die Serafin nur noch ein Monster war, starrten schreckensstarr zurück.

Montag, 10. September 2012

Serafin - Gerüchte aus einem Söldnerleben I


Der Werwolf war nicht allzu groß, nicht größer als Serafin selbst. Sie hatte ja auch schon mit ihm gekämpft, diesem Wesen, das nur manche zu sehen schienen – und ausgerechnet die großen Kämpfer, die mit Rüstungen und großen Waffen, sahen ihn nicht. Ausgerechnet jene mit den Stangenwaffen und Helmen standen ratlos herum, während Serafin sich bereits umdrehte und rannte. Bis ihr die Berserker entgegenliefen. Gegen die konnten die anderen sich zwar wehren … aber dann drehte sie sich wieder um.

Der Werwolf war schnell.

(Sie kämpfte schon vorher gegen ihn, und da war sie noch nicht alleine, da war jener Ritter Leichtsinn noch bei ihr, der sich immer vorstürzte, in die erste Reihe, der auch flüchtenden Feinden noch hinterherrannte, ohne mehr als sein Schwert zu besitzen. Er kämpfte gut, er kämpfte furchtlos, und mit ihm brachte sie den Werwolf zweimal zu Fall, zwang ihn zum Rückzug. Und immer wieder kehrte er zurück, seltsamerweise, sie besiegte ihn erneut, bezog an diesem Tag die Prügel ihres Lebens, blutüberströmt und mit Verbänden eingewickelt, Schmerzen überall, als Ritter Leichtsinn dann zu mutig wurde. Sie sah nur noch, wie die anderen Gefährten um die Leiche mit dem abgetrennten Kopf herumstanden, und sah sich um.

Außer ihr sah eine Heilerin den Werwolf, die völlig unbewaffnet war. Eine Tänzerin sah ihn ebenfalls. Einer der Schwergerüsteten sah ihn auch, aber der war nie da, wenn man ihn brauchte. Ritter Leichtsinn starb.

Und als der Werwolf erneut wiederkehrte, stand Serafin alleine da.)

Nun, zumindest sieht Prinzesschen ihn nicht. Macht den Job einfacher, wenn ich nur mich zu beschützen habe, dachte sie mit begrenzter Erleichterung. Ihre Lohnherrin befand sich direkt neben ihr.

Der Werwolf griff an, und Serafin konnte nicht mehr rennen. Sie schlug sich recht gut, wenn man all die Verletzungen bedachte, und doch stand sie alleine da, über und über mit Wunden bedeckt von vorherigen Kämpfen. Als er ihr so nahe kam, dass sie dem abgerissenen Arm in seiner Klaue die Hand hätte schütteln können, drehte sie sich beiseite, wollte ihn umlaufen, und seine andere Kralle ritzte ihr den Rücken auf.

„Ich könnte hier Hilfe gebrauchen!“, schrie sie, nur mäßig hoffnungsvoll, doch sofort war der Knappe des wirklich großen Ritters bei ihr. „Wo ist er denn?!“, schrie er zurück, „Wo denn?!“

Keine große Wunde. Sie schlug, traf seine Knie, und das brachte ihn zu Fall, als er stolperte, doch die Krallen streckten sich nach ihr aus, und Serafin konnte doch nicht mehr rennen. Sie humpelte bereits nur noch, und als sich seine Krallen in ihr Bein bohrten, fiel auch sie.

„Direkt vor mir!“, schrie sie, und die Hellebarde von Knappe Friedrich schlug in den Werwolf.

Er zog sich zurück. Ein Stück.

Eorindiel, Prinzesschen und Lohnherrin, ließ sich neben Serafin fallen, während andere sich um sie stellten, und begann mit ihrer magischen Elfenmagie, die Wunden zu heilen. Und Serafin schrie.

(Ihr Vater, der große Magier, der sie hasst, der sie jagt. Magier, deren Zauber schief laufen und deren Rituale Stunden brauchen. Serafins eigene unterdrückte magische Ader, die ihr keine Kontrolle erlaubt, die Dinge in Flammen aufgehen oder explodieren lässt, wenn sie wahrhaftig versucht, Magie zu verwenden. Sie hasst Magie. Sie lehnt sämtliche Berührung mit ihr ab. Und als ob sie versucht, sich selbst ihre Unabhängigkeit von der Magie und somit von ihrem Vater zu erklären, stößt sie das Prinzesschen von sich, unter den Schreien und Schmerzen, die ihr diese magische Heilung bereitet.)

„Lass mich dich doch heilen!“, schrie Eorindiel, die von dieser Ablehnung wusste, aber doch nur zu helfen suchte. Und hinter ihr sah Serafin den Werwolf. Er rannte nicht, aber das musste er auch nicht, denn ihr Schwert lag zu weit von ihr weg. Die sichere Taverne unerreichbar weit weg. Sie konnte nicht mehr rennen, das wusste er auch, denn er ließ sich Zeit. Zeit genug, dass Serafin rückwärts kroch, den Blick auf ihn gerichtet, denn sie wusste, würde sie sich umdrehen, schlüge er die Krallen in ihren Rücken. Erneut.

Er ließ sie kriechen, geht langsam, langsam hinter ihr her. Er hatte sich dieses Gesicht gemerkt, realisierte Serafin schreckensstarr, als sie nach ihrem letzten Wurfdolch tastete. Wirft. Ihn in die Seite traf, aber das war zu wenig, lässt ihn nur zusammenfahren, nicht einmal taumeln.

„Wo ist er?!“, schreit einer ihrer Freunde, die Waffe vor sich, aber diese unsichtbare Bedrohung kann er nicht sehen.

„Direkt vor mir!“, ruft sie zurück, Schmerzen im Atem und außer Puste. Der Kämpfer, ein ehemaliger Bote, mit beeindruckenden Schwertfähigkeiten, holt aus, aber der Werwolf geht nur einen Schritt beiseite, und der Bote trifft nur Luft. „Weiter links!“, schreit Serafin, kriecht rückwärts, eine Spur aus Blut hinterlassend. Aber der Werwolf braucht immer nur einen Schritt ausweichen. Als sie den zitternden Arm hebt und auf ihn zeigt, da beendet er das Spielchen, stürzt sich auf sie, verbeißt sich in ihre Schulter.

Und Serafin schreit.

Ihre Gefährten sehen nur Blut in die Luft spritzen.

Dadurch allerdings finden ihre Waffen endlich das Ziel. Der Werwolf lässt los, und Serafin versinkt in Finsternis.

(Schmerzen)

Schmerzen durchbrachen Finsternis. Sie reißt schreiend die Augen auf, nimmt kaum mehr wahr, als dass sie immer noch im Gras liegt, und schreit, schreit, schreit sich die Kehle wund. Fell ist kaum eine Handbreit von ihrem Gesicht entfernt, sie sieht seine Augen im Blutrausch, sieht ihr eigenes Fleisch zwischen seinen Zähnen hängen …

(Grauenhafte Schmerzen, die ihr die wohltuende Finsternis stehlen)

… wälzt sich schreiend im Gras. Etwas Weißes blitzt auf, und sie weiß, dass es der Knochen in ihrer linken Schulter ist, an der der Werwolf herumnagt. Schreit.

Hört kaum die hilflosen Rufe und Fragen ihrer Freunde, die erneut die Waffen schwingen dorthin, wo sie aufgrund der Schreie und des spritzenden Blutes und der verschwindenen Fleischfetzen den Wolf vermuten. Treffen.

„In die Taverne! Tragt sie in die Taverne, zum Schutzkreis!“, schreit einer, und das versteht sie schon kaum mehr, als selbst die immensen Schmerzen nicht mehr ausreichen, um Finsternis fortzuhalten.

Als Serafin wieder aufwacht, ist alles anders.

Dienstag, 28. August 2012

"Wir müssen reden."

Gerade hab ich mit Henning Schluss gemacht.

Übers Telefon. Ich denke, bei einer Fernbeziehung kann man das erlauben. So feige bin ich nicht, dass ich ihn mit Mail oder SMS abgespeist hätte.

Und egal, wie freigelassen ich mich jetzt fühle, es bleibt ein schaler Geschmack. Wie erklärt man, dass man völlig überrumpelt worden ist?

Und wie fängt man so ein Gespräch an, wie kann man jemanden vorsichtig darauf vorbereiten, dass man sich jetzt von ihm trennen wird? "Ich muss mit dir reden"? Jeder Volldepp würde die Andeutung schon einmal verstehen. Wie begründet man dann, dass eine winzige Schwärmerei niemals mehr gewesen ist?

Der einzige Trost für mich ist, dass er sagte, über diese kurze Zeit sei aus der leichten Verliebtheit noch keine tiefe Liebe bei ihm geworden, insofern bin ich wohl desbezüglich beruhigt, dass er ganz gut darüber hinwegkommen wird.

Gibts zum Schluss machen überhaupt die richtigen Worte?

Dienstag, 21. August 2012

Fake It

Ich würde hier gerne über das Drachenfest schreiben. 35 Grad tagsüber, nachts kaum kälter, eine Plänklergruppe, in der ich tatsächlich vollwertiges Mitglied war. Bei Hitzegewitter unter einem Sonnensegel sitzen, der Tisch sich unter Getränken biegend, und Würfeln. Wunderbare Menschen, die man dort kennen lernt. Weniger wunderbare, die sich nach nur ein paar freundlichen Worten deutlichste Hoffnungen auf mehr machen und mit der Zeit ziemlich aufdringlich werden, aber in Gesellschaft der anderen auf Abstand gehalten werden können. Neblige Nächte, Sicht kaum mehr als wenige Meter, Orks rücken aus, der Limbus bei Nacht mit weißen Masken im Dunkel, nachdem ich mich vorher mit Slender, SCP-087 und Nightmare House zugedröhnt habe. Untotenwarnung. Angeheitert und unbewaffnet in Orks hineinrennen und Klopfstreiche beim Kupfernen Lager. Für vier Kupfer. Bei der Endschlacht von hinten niedergemetzelt werden, während der Gegner von vorne alle Treffer einfach ignoriert und weitermacht, als hätte ich einen Grashalm statt Schwert in der Hand gehabt. Um vier Uhr morgens ins Bett sinken und um halb acht aus dem gefühlte vierzig Grad warmen Zelt kriechen.

Das war das Drachenfest. Nach Leiopzig zurückfahren, wenige Stunden zum Umpacken haben, dann weiter nach Hause. Um ein Uhr morgens quer durch die Stadt nach Hause laufen mit gefühlten fünfzig Kilo auf dem Rücken und in den Händen.

Dann kam Wacken.

Von der Schlammschlacht muss ich nichts mehr erzählen, denke ich. Mittlerweile sind meine Springer auch nur noch etwas braun. Das Foto mit ff.de-Shirt ist gemacht, muss mir aber noch zugeschickt werden, weil es nicht mit meiner Kamera gemacht wurde.

Kleine Vorwarnung: Das wird jetzt lang. Ausschweifend. Vielleicht langweilig, vielleicht verwirrend. Aber wenn ich das jetzt nicht gründlich aufschreibe, dann schrei ich noch irgendwann, weil ich manches einfach nicht aussprechen kann. Weil manche Worte, manche Gedanken einfach in der Kehle stecken bleiben, und wenn man versucht, es zu formulieren, reichen alle Worte der Welt nicht mehr.

Auf Wacken, in der ersten Nacht, sind wir beklaut worden. Die Diebe waren ziemlich dreist, haben mitten in der Nacht einfach die Zelte geöffnet und neben die Schlafenden gegriffen. Fabians (bester Kumpel) und Nancys (dessen Freundin) Zelt standen direkt neben mir, bei mir war nur das Mückennetz geschlossen und die Tür auf, damit etwas Luft hineinkommt. Das Geld lag bei mir direkt neben dem Eingang. Bei den beiden in den Bauchtaschen, die Taschen unter den Springerstiefeln in einer Tüte. Geklaut wurde nur bei den beiden, nicht bei mir. Sehr ärgerlich. Der festivalinterne Geldautomat war denn auch alle, weil nicht nur bei uns geklaut wurde, also wollen die beiden zum dorfinternen Geldautomaten, zur Sparkasse, stiefeln. Ich hätte an diesem Tag um zwölf Uhr mittags mich eigentlich mit Narina, eventuell auch anderen ff.de-Leuten, treffen wollen, habe aber aus eigener Schuld vorher einen Treffpunkt festgelegt, der gar nicht da war, nämlich den Red Bull-Tourbus, dessen Gegenwart ich eigentlich sonst gewohnt gewesen war. Dementsprechend hab ich einfach das ff.de-Shirt angezogen und bin mit Nancy und Fabian mitgestiefelt - mein Erkennungsmerkmal hatte ich an, vielleicht wäre man sich ja zufällig über den Weg gelaufen.

Fabian und Nancy stellen sich an die Schlange an. Ich warte ein wenig im Schatten und geselle mich zu ihnen, als sie mit demjenigen hinter sich ins Gespräch kommen.

Und da ging der ganze Mist los.

Wir lernen Henning kennen. Henning will auch zum Hammerfall-Konzert, zu dem auch ich gehen will, während Fabian Hammerfall verteufelt. Voller Begeisterung schenkt er mir ein Bier. Man albert herum. Er hat seine Gruppe verloren, bleibt somit den Rest des Tages bei uns.

Es geht damit los, dass im Gedränge der Konzerte er mir seine Hand entgegen streckt und ich sie nehme, um nicht die Gruppe zu verlieren. Es geht damit weiter, dass wir irgendwann die Hand nicht mehr loslassen. Dass er mich am Abend zum Abschied umarmt. Da ist eigentlich schon alles klar, aber da fühlt sich alles noch ganz gut an, und ich war schon immer zu feige, ein klares NEIN hervorzubringen, wenn sich nicht alles in mir sträubt. Und das tat es da noch nicht. Er war nett. Und das Händchen halten fühlte sich gut an.

Beim In Flames Konzert am nächsten Tag fing er an, mich von hinten zu umarmen und so dazustehen. War schön. Zumal in der Haltung irgendwie meine Rückenschmerzen vollkommen verblassten. Ständig Stage Diver, zu deren Gunsten man sich immer wieder umdreht. Beim Zurückdrehen Henning ansehen. Der auf einmal näher kommt. Die Augen schließt. Mich küsst.

Mein erster Kuss, und ich war völlig überrumpelt. Zumal für ihn danach alles schien wie davor. Und er küsste mich immer wieder. Ich hätte da schon einfach wegrennen sollen, aber da hatte ich nicht den Mumm für. Und er war ja wirklich nett. Ich war nicht verliebt, aber ich hatte auch nichts dagegen.

Trotzdem gings zu schnell. Nach In Flames hab ich ihn also bezüglich meiner Unerfahrenheit aufgeklärt, er entschuldigt sich und alles.

Fabian und Nancy waren sofort begeistert. Während ich eigentlich nur aus Verwirrung, Unsicherheit und Überforderung bestand. Hätte Henning nicht alles so schnell gemacht, dann hätte ich wohl tatsächlich geblockt, bevor es zu spät war. Aber so bin ich völlig überrumpelt worden, meine Barrikaden niedergeschossen, bevor ich mich selbst erst einmal sortieren konnte.

Außer Küssen ist auf wacken nicht mehr viel. Aber danach macht er mich bei metalcon ausfindig. Wundert sich, dass ich so selten zurückschreibe - ich beantworte einmal am Tag die Mails, und ich weigere mich auch, alle drei Stunden meine Mails zu checken. Einmal am Tag. Basta. Er kauft sich Zugticket und Konzerticket fürs Barther Metal Open Air (war gerade letztes Wochenende), bevor überhaupt geklärt ist, ob wir hier einen Mitfahrplatz für ihn finden, weil wir alleine schon massive Platzprobleme haben, und will schon möglichst früher kommen. Ich kenne ihn kaum. Ich weiß eigentlich gar nichts über ihn. Meine Privatsphäre ist mir heilig, egal, wie sehr ich jemanden mag, ich brauche meinen Freiraum so dringend wie die Luft zum Atmen. Ich bin seit fast einundzwanzig Jahren das Single-Leben gewohnt und nicht im Geringsten bereit, ein von mir bestimmtes Maß an Privatsphäre aufzugeben. Also erlaube ich ihm, dass er eine Nacht hier übernachten darf.

Abends gehen wir ins Kino. Batman. Da passiert absolut nichts, und da hätte ich tatsächlich geblockt, weil ich bei Batman nicht bereit bin, auch nur eine Sekunde zu verpassen.

Danach aber, bei mir im Zimmer, zieht er mich dann in eine dieser Umarmungen, fängt an rumzuknutschen, langsam gehen die Hände unters T-Shirt ...

Ja, wir haben miteinander geschlafen.

Es hat verdammt wehgetan. Es war unbequem, weil mir irgendwann die Beine eingeschlafen sind. Ich war froh, als es vorbei war, und mir tat noch zwei Tage danach alles weh. Ich hab sogar noch einen blauen Fleck an der Hüfte. Und das Schlimmste ist, dass ich nicht die Frage beantworten kann, ob ich das wirklich wollte. Das Schlimmste ist, dass da eine ganz leise Stimme in mir wispert: "Wolltest du es einfach nur hinter dich bringen?" und ich nicht voller Überzeugung "Nein!" antworten kann. Auf dem Barther habe ich dann zum Glück meine Tage bekommen (milder als sonst, Gott sei Dank, so war ich wenigstens noch fit genug für die Konzerte). Henning sagte, ihm mache das nichts aus, aber mir macht das ganz extrem was aus, also ist außer Küssen nichts gelaufen. Und Küssen wollte er ständig.

Henning fing an, zu klammern. Und gegen Klammern bin ich allergisch. Ganz allergisch. Wenn jemand mir auf die Pelle rückt, egal, wie gerne ich ihn mag, und nichts alleine unternehmen kann, wenn er mich ständig berühren kann, dann kann ich kaum noch das Bedürfnis unterdrücken, wegzurennen. Und das habe ich in abgeschwächter Variante auch getan. Habe mich Richtung Klo entschuldigt, mich schnell zu den anderen gesellt. Ihn kaum direkt angesehen, weil er mich dann sofort küssen wollte. Bei Konzerten ständig zumindest meine Hand hielt, aber meistens die Hand um mich gelegt und die auch nicht entfernt hat, wenn ich Headbangen wollte oder Springen. Konzerte halt. Ich habe ihm direkt am ersten Abend gesagt, dass er zu sehr klammert. Viel zu sehr. Sobald ein Stuhl in meiner Nähe frei wurde, hat er seinen verlassen und sich auf den gesetzt. Oder direkt neben mich in den Dreck gekniet. Ich kam mir vor, als hätte ich einen Hund, der mir sabbernd und willenlos hinterher läuft. Ich habe ihm gesagt, dass Klammern tödlich ist, dass ich, je mehr er mich festhält, nur desto mehr rennen will, bis ich absoluten Widerwillen entwickle, aber es hat sich nichts geändert, trotzdem ich ihn immer wieder daran erinnert habe. Er wurde eifersüchig auf Fabian, mein bester Freund seit der dritten Klasse. Und trotz dem ich ihm beteuert habe, dass ich mit Fabian nicht in diesem Universum und auch in keinem aller möglichen Paralleluniversen jemals etwas anfangen würde, konnte er mir nicht vertrauen.

Mit Henning zusammen sein ist, als hätte er mir eine maximal einen Meter lange Leine angelegt und eine mobile Überwachungskamera auf mich angesetzt. Und manche mögen damit klar kommen. Aber ich sage es nochmal:

Sobald jemand klammert, bin ich weg. Gegen Klammern bin ich höchst allergisch. Meine persönliche Freiheit ist mir da wichtiger als alles andere.

Und das hat Henning bis zuletzt nicht begriffen.

Und er macht sich ein Bild von mir, wie er mich haben möchte.

"Nicht weinen.", als ich ihn am Bahnhof verabschiedet habe und so weit von Weinen entfernt war, wie nur möglich.

"Duu findest es genauso blöd, gerade jetzt deine Tage zu haben, was?", als ich mich eher widerwillig nochmal von ihm abknutschen lassen, bevor ich in mein Zelt fliehe, und absolut glücklich darüber bin, diese absolut stichhaltige Entschuldigung vorbringen zu können.

Und die ganze Zeit habe ich Tim vor Augen. Tim vom Barther Metal Open Air letztes Jahr, der mich in zwei Tagen absolut durchschaut hat und mir jede Freiheit ließ. Der hat jetzt kurzfristig sowohl Wacken als auch Barth abgesagt, obwohl er ursprünglich kommen wollte. Die ganze Zeit Tim vor Augen, der ständig genau wusste, was ich denke. Der mich in zwei Tagen besser kannte, als selbst Fabian, geschweige denn Henning, das tun.

Ich weiß, dass ich Schluss machen muss mit Henning. Im Moment schalte ich fast ständig mein Handy aus, weil ich Angst habe, dass er mir eine SMS schreibt oder anruft und ich antworten muss, obwohl ich keine Ahnung habe, was ich ihm sagen soll. Er will ein Bild von mir haben, um es allen seinen Freunden, Bekannten, Familie zu zeigen, obwohl ich ihn, wenn man wirklich die Tage zählt, wo ich ihn gesehen habe, gerade einmal eine knappe Woche kenne. Er hat mir mehr als einmal von seiner letzten Freundin erzählt, die den gleichen Namen hat wie ich, die sich von ihm trennte. Hat mehr als einmal betont, wie schlimm die Trennung von ihr für ihn war und wie sehr ihn das kaputt gemacht hat. Das setzt mich noch mehr unter Druck, weil ich genau weiß, wie ihn das verletzten wird, wenn ich mich von ihm trenne. Zumal er im Moment der festen Überzeugung ist, ich hätte mich aus vollem Herzen für ihn entschieden. Schlimmer noch, ich weiß nicht einmal, was ich sagen soll. Dass ich zu Beginn einfach eine rosarote Brille aufhatte, die jetzt durchsichtig geworden ist, ohne Liebe zu hinterlassen? Selbst das wäre nur die halbe Wahrheit. Mittlerweile lerne ich ihn langsam kennen. Er liest nicht, er malt nicht, er hört gerne Black und Death Metal, die Mangas, die ich mag, mag er nicht. Ich habe weder Geld noch Zeit noch Nerven, regelmäßig die knapp vierhundert Kilometer zu ihm zu fahren. Und er ist anstrengend. Man kann nicht mit ihm schweigen, denn entweder erzählt er die ganze Zeit von sich selbst oder er versteht Stille als Aufforderung zum Knutschen. Und ich habe ihm doch gesagt, er soll zurückrudern, wenn er nicht alles kaputt machen will. Aber das hat er nicht getan. Ich musste am Sonntag, als ich vom Festival zurückkam und er gefahren war, mein Bett vollständig neu beziehen, weil meine Privatsphäre mir total zerrissen vorkam. Und als sein Zug gefahren ist, bin ich so erleichtert gewesen, dass er weg ist.

Wenn man erleichtert ist, dass der Freund endlich weg ist, dann stimmt etwas nicht. So viel merke dann sogar ich.

Ich kann das nicht. Aber ich bin auch zu feige, um Schluss zu machen, denn das wird ihn total kaputt machen.

Gut, ich weiß, dass ich Schluss machen muss. Aber dazu muss ich ihn anrufen, denn zum Schluss machen über SMS oder Email bin ich zu nett. Das wäre unfair. Er hat etwas Besseres verdient. Ich muss anrufen. Aber die Wahrheit kann ich nicht sagen, denn das würde aus seiner Perspektive so sein, als hätte ich ihm die ganze Zeit etwas vorgelogen und vorgespielt (und die kleine, leise Stimme in meinem Kopf wispert "Hast du doch auch.", und ich kann sie nicht aus vollster Überzeugung zum Schweigen bringen!) und wäre das nicht nochmal viel schlimmer? Und wenn ich sage, dass ich Schwärmerei und eine rosarote Brille für Liebe gehalten habe, wo nichts war, selbst dann ist es nur eine Halbwahrheit.

Und solange schalte ich mein Handy aus, um nicht erreichbar zu sein. Weil ich noch daran arbeite, meine Privatsphäre zu flicken und meine Freiheit wiederzufinden.

Wäre schön, jetzt in einer dieser schönen Fantasywelten zu leben, wo man als Landstreicher oder Söldner durch die Gegend ziehen kann, ohne von der Gesellschaft festgehalten zu werden. Dann könnte ich jetzt einfach weglaufen und alles vergessen.

Gott, manchmal bin ich so feige, dass ich mich selbst hasse. Und dazu passend auch noch der Soundtrack meiner aktuellen Lage.
 

Montag, 25. Juni 2012

Schlaflos in Leipzig

Nachts ist so vieles anders.

Nachts muss man keine Musik beim Spazieren gehen hören. Nachts muss man sich nicht den eigenen Soundtrack drüberlegen, weil man nachts die Stadt atmen hört. Man sieht drei Füchse in Leipzig Mitte über die Straße laufen. Betrunkene, die darüber lachen, dass sie sich am Auto abstützen müssen. Man sieht das beleuchtete Fenster der Freundin, die ebenfalls noch wach ist und einen hereinlässt.

Nachts muss man nicht reden, um Stille zu füllen, weil die Stille jetzt angenehm und gut ist. Nebeneinander sitzen, etwas lesen, sich nach einer, anderthalb, nach zwei Stunden verabschieden und das Gefühl haben, trotz weniger Worte eine schöne Zeit miteinander verbracht zu haben.

Nachtspaziergänge.

Sollte ich öfter machen.

Freitag, 15. Juni 2012

Erzählung meines Unterbewusstseins

Frühs um sechs, und ich beschließe zum ersten Mal, das morgendliche Physik-Seminar aus Müdigkeit, nicht aus Zeit, zu schwänzen. Das gibt mir zwei Stunden mehr Schlaf, nach denen ich immerhin schonmal etwas bereitwilliger aufstehe.

Fakultät und Studentenwohnheim liegen direkt nebeneinander, und irgendwie ist es schon Herbst geworden, aber die Sonne ist freundlich und warm.Ich muss nur ein Stückchen an den anderen Eingängen vorbei, da kommt eine im T-Shirt des Fachschaftsrates auf mich zu, breit lächelnd.

"Hey!", sagt sie, "Magst du nicht mitkommen zur Fachschaftssitzung? Die ist jetzt gleich!"

Eigentlich hab ich ein schlechtes Gewissen, nach dem geschwänzten Seminar jetzt auch noch die folgende Vorlesung zu schwänzen, und sage das auch, aber sie tut das Argument mit einem Handwinken ab. "Ach, für Physik steht doch das Skript im Internet, und es dauert nicht lange. Komm mit!"

Also gehen wir.

Die Sitzung ist in einem großen, hellen Raum, mit hohen Fenstern, und ich habe gerade noch Zeit, darüber nachzudenken, dass ich so einen Raum in unserer Fakultät noch gar nicht gesehen habe - da fällt mir schon jemand in die Arme. Jemand, den ich nicht kenne, und der mich so fest umarmt, als wäre ich eine lange vermisste Freundin. Jemand mit weichen, wuscheligen Haaren, die in der Nase kitzeln, weil er ein Stück kleiner ist als ich. Ich werde eigentlich gerne umarmt, aber ich kenne ihn nicht, und lege nur unsicher die Hand auf seinen Rücken, ein fragendes und verlegenes Lächeln zu den andern Fachschaftsratmitgliedern, die nur die Augenbrauen hochziehen und grinsen. Auf meine Bitte hin, den vielleicht irgendwie zurückzuhalten, bewegen sie sich erst, bleiben dann aber lächelnd stehen. "Nein," sagen sie, "Er hat dich so lange gesucht."

 Einen Blick auf sein Gesicht erhasche ich nur ganz kurz, ganz ganz ganz kurz, während er sich mit bestimmten Drucks meinerseits etwas distanziert, und er hat ein liebes Gesicht. Keinen Bart, eher schmale Lippen, aber Grübchen, und Augen, die so ähnlich gemustert scheinen wie meine. Und dann fällt er mir schon wieder um den Hals.

Während der gesamten Sitzung lässt er mich nicht los. Es ist aber nicht unangenehm, ganz im Gegenteil, deshalb lasse ich ihn, aber reden tun wir nicht miteiander. Nur ansehen tut er mich ständig, und das sind alle Worte, die er sagen muss, damit ich ihn ernst nehme. Genug Worte, um mich völlig rot werden zu lassen.

Nicht einmal sprechen wir ein Wort miteinander. Irgendwie wird trotzdem alles gesagt.

Interessanterweise gehört zum Treffen auch ein gemeinschaftlicher Besuch in einer kulturellen Vorführung. Die ganze Zeit hält er meine Hand, und irgendwann halte ich auch seine. Er sagt kein Wort, ich habe ihn nie zuvor getroffen, aber ich weiß trotzdem mit einem einzigen Blick, dass er ganz ganz ganz wundervoll ist.

Er umarmt mich, er kuschelt sich an mich, aber wenn ich jemanden brauche, der mich in den Arm nimmt, tut er es. Ich kümmere mich um ihn, aber sobald ich jemanden brauche, ist er da. So verlässlich wie die Tatsache, dass die Sonne jeden Tag scheint.

Nach der Aufführung wird es Abend, und irgendwie führt uns unser Heimweg, zu Fuß, am Deich in der Nähe Prerows und Ahrenshoop entlang, wo ich gerade am Wochenende entlang gefahren bin. Diesmal laufen wir den schmalen Trampelpfad neben dem Fahrradweg, und er ist ein Stück voraus, dreht sich um nach uns anderen, und ich kann in der Abendsonne sein Gesicht sehen. Er wartet auf uns, und ich drehe mich ebenfalls um, damit die anderen aufschließen können.

Als sie es tun, sehe ich nach vorn, aber er ist nicht mehr da. Der Weg ist leer. Und im Halbschlaf, noch kurz vorm Aufwachen, realisiere ich noch "Er hat nicht auf die anderen gewartet. Er wollte, dass ich zu ihm komme."

Und als ich aufwache, fällt mir ein, dass ich ihn nicht gefragt habe, "Warum? Warum ich? Was ist an mir so großartig, dass du mich bedingungslos lieben kannst? Warum?"

So sehr, wie das alles auch ein Wunschtraum war, schweift mein Kopf den ganzen restlichen Tag immer wieder zurück in den Traum.

Und am Nachmittag ruft dann F. an und fragt, ob ich dann und dann mit zum Konzert in Berlin komme. Eigentlich bin ich wenig begeistert und frage, um etwas Zeit zu schinden, nach, wer denn noch alles mitkomme.

Hugo kommt mit. Jener Hugo vom Barther Metal Open Air, von dem ich hier schonmal geschrieben habe. Den ich zwei Tage lang kennen lernen konnte und an den ich seitdem jeden Tag mindestens einmal gedacht habe. Wegen dem ich das nächste Barther herbeisehne und gleichzeitig etwas fürchte, denn eines weiß ich - mit Freundschaft kann ich mich diesmal nicht zufrieden geben. Zum ersten Mal nicht.

Eigentlich kann ich das Barther kaum erwarten, und trotzdem macht es mir Angst. Letztes Jahr war er Single. Was ist dieses Jahr? Wird schlimmstenfalls gar nichts passieren?

Und je nachdem, wie das Barther wird, könnte das Konzert dann für mich den Himmel oder die Hölle bedeuten.

Und trotzdem kann ichs kaum erwarten.